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Rede zur Eröffnung der Ausstellung

1:1

mit Bildern von Celina Jure
im Raum für Kunst, Kunstverein Ravensburg

Mir fällt die undankbare Aufgabe zu, etwas zu Celina Jures Bildern sagen zu müssen – undankbar natürlich ironisch gemeint, aber in jeder Ironie steckt ja das eine oder andere Körnchen Wahrheit –, und mit Schrecken habe Dr. Franzich bemerkt, daß in der Einladung gar von einer »Einführung« die Rede ist. Mal abgesehen davon, daß mir zum Führer jegliche Fachkompetenz abgeht, steh ich vor diesen Bildern eh immer nur staunend. Und nicht wissend. Diese Bilder sind mir fremd.

Der Volksmund, der ja bekanntlich immer recht hat, weiß: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. – Entweder droht also das, was ich über die Bilder sage, zum bloßen Gerede zu verkommen oder zu einer Art Gebrauchsanweisung à la: »Moderne Malerei leicht gemacht«; zum Versuch einer Zähmung und Abschwächung des Unbegreiflichen, welches überhaupt erst die Voraussetzung für Kunst ist.

Statt also halbgebildete Bemerkungen auf Sie loszulassen, beispielsweise über eine mögliche Diptychonstruktur der beiden großen Arbeiten, lieber einige mehr oder minder ungeordnete und sehr subjektive Anmerkungen, die Ihnen möglicherweise und hoffentlich einen Teil der Lust und der Freude vermitteln, die mir durch diese Bilder geschenkt werden. Sozusagen ein Erfahrungs- bzw. Erlebnisbericht – aber auch eine Warnung.

Zunächst einmal stoße ich mich am Titel der Ausstellung: 1:1.

Ich komme aus dem Ruhrgebiet, und da denkt man bei »1:1« als erstes an Fußball. Celina Jure stammt aus Argentinien, und da ist nicht erst seit Mittwoch [Länderspiel Deutschland - Argentinien 0:1] 1:1 fußballerisch der falsche Titel. Und Celina Jures Bilder mögen alles mögliche sein, nur eines sind sie ganz gewiß nicht: unentschieden.

Genauer betrachtet hat es das 1:1 freilich in sich. Zieht man 1:1 als Maßstab heran, ist man der Sache schon eher auf der Spur, wenn man allein die schieren Ausmaße der großen Arbeiten auf sich wirken läßt.

Alsdann sind sämtliche Arbeiten ungegenständlich, und zwar nicht im Sinne der Abstraktion eines Gegenstandes oder der Abwesenheit eines solchen, sondern im Sinne dessen, Alte Post daß sie selber eben dieser Gegenstand sind, dem man 1:1 gegenübersteht. Die Bilder sind das, was sie sind, 1:1. Und sie sind, sie leben.

Damit hat die Warnung zu tun, von der ich vorhin sprach. Ich habe Ihnen nämlich insofern etwas voraus, als ich ein Bild von Celina Jure in meiner Wohnung hängen habe. Nicht ganz so groß wie diese beiden – aber dafür nicht einmal rechteckig!

Ich kann Ihnen versichern: Mein Leben ist seither nicht mehr dasselbe wie vorher. – Sollten Sie also mit dem Gedanken spielen, ein Werk von Celina Jure zu erwerben, machen Sie sich auf einiges gefaßt: Da ist dann plötzlich etwas Lebendiges, ein fremdes Wesen, ein Alien bei Ihnen zuhause.

Die Bilder haben ja durchaus was Dekoratives, so fürs Wohnzimmer, wenn man denn so ein großes Wohnzimmer hat, bißchen wild, dreckig und chaotisch, aber das muß ja bei moderner Kunst anscheinend so sein. Dann gibt es da Fußabdrücke, offenbar von den Turnschuhen der Künstlerin, auf den Bildern – hätte man auch sauberer lösen können, aber naja. –

Doch lassen Sie sich durch die schönen Farben und das scheinbar Dekorative der Bilder nicht ins Bockshorn jagen! Sie holen sich damit gewissermaßen die sogenannte Dritte Welt ins eigene Wohnzimmer, und zwar leibhaftig, 1:1. Denn Celina Jures Werke sind geprägt von ihrer Heimat in Nordargentinien:

Der Dschungel – darüber ein riesiger Himmel (was die Amerikaner »Big Sky« nennen) – und dahinter steigen die Anden empor.

Erstaunlicherweise hat ein Kind dieses Landes davon berichtet – ohne je dort gewesen zu sein: Friedrich Hölderlin in seinem Gedicht: Unter den Anden gesungen (das Gedicht heißt natürlich »Unter den Alpen gesungen«, aber für heute sei der falsche Titel erlaubt):

Heilige Unschuld, du der Menschen und der
Götter liebste vertrauteste! du magst im
Hause oder draußen ihnen zu Füßen
                                Sitzen, den Alten,

Immerzufriedner Weisheit voll; denn manches
Gute kennet der Mann, doch staunet er, dem
Wild gleich, oft zum Himmel, aber wie rein ist,
                                Reine, dir alles!

Siehe! das rauhe Tier des Feldes, gerne
Dient und trauet es dir, der stumme Wald spricht
Wie vor alters, seine Sprüche zu dir, es
                                Lehren die Berge

Heilge Gesetze dich, und was noch jetzt uns
Vielerfahrenen offenbar der große
Vater werden heißt, du darfst es allein uns
                                Helle verkünden.

So mit den Himmlischen allein zu sein, und
Geht vorüber das Licht, und Strom und Wind, und
Zeit eilt hin zum Ort, vor ihnen ein stetes
                                Auge zu haben,

Seliger weiß und wünsch ich nichts, so lange
Nicht auch mich, wie die Weide, fort die Flut nimmt,
Daß wohl aufgehoben, schlafend dahin ich
                                Muß in den Wogen;

Aber es bleibt daheim gern, wer in treuem
Busen Göttliches hält, und frei will ich, so
Lang ich darf, euch all, ihr Sprachen des Himmels!
                                Deuten und singen.

Merkwürdigerweise kriegt man so wieder den Bogen zurück zum Fußball – zum argentinischen allerdings (mit seinen himmelblau-weißen Trikots): Ein Landsmann von Celina Jure, Diego Armando Maradona, hat sich einmal spielentscheidend auf die »Hand Gottes« berufen. So hat hier auf diesen Bildern, für mein Empfinden, mindestens ebenso entscheidend die Hand Gottes den Pinsel geführt, oder, genauer und schöner: die Hand der Göttin.

[Christian Ebert 19. 4. 2002]
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