Christian Ebert

Der Hanullmann

Rechte: Felix Bloch Erben, Berlin

Buchausgabe: Baustelle 2 – eine Black Trash Edition

ROLAND APPELMANN
29 Jahre alt.

RAUM
Ein Theaterraum, von einem Modellbahnclub für einen Vortrag angemietet. Ein Transparent: „50 Jahre Modellbahnfreunde e.V.“ Auf der Bühne eine riesige, mindestens 16 qm große Modellbahnanlage. Die Modellbahnanlage summt. Roland hat versucht, mit einigen Requisiten – Girlanden, Gummibäume o.ä. – das unwirtliche Theater in einen gemütlichen Clubraum zu verwandeln. Die Beleuchtung wurde ebenfalls von Roland liebevoll eingerichtet.

ROLAND APPELMANN
tritt auf, verbeugt sich:

Grüß Gott, liebe Modellbahnfreunde!

Ich freue mich, daß Sie so zahlreich erschienen sind und darf mich zunächst vorstellen: Mein Name ist Roland Appelmann. Ich komme aus Rimpar bei Würzburg.

Ich möchte diesen Vortrag meinem Vater

Pause.

Karl Appelmann widmen, der vor zehn Tagen verstorben ist. Ohne ihn wäre es mir niemals gelungen ... Ohne ihn und seine finanzielle Unterstützung wäre es mir niemals gelungen, meine Modellbahnanlage im Hanull-Maßstab 1:87 nach den Richtlinien der absoluten naturgetreuen Maßstabsgerechtigkeit – kurz: ANM – zu erstellen.

Mein Dank gebührt meiner Mutter, die stets voll Verständnis für das Hobby ihrer beiden Männer war.

Zur Auflockerung der Atmosphäre, denn unser Hobby soll uns ja Spaß und Entspannung bringen, erzähle ich als erstes immer meinen Lieblingswitz. Wenn mer lacht, sieht des Leben gleich ganz anders aus. Also ... mein liebster Witz is der von dem Irren, der wo e Ameise dressiert, ne, und nach eim, der hat also e Ameise, und die hält er sich in sorer kleinen Streichholzschachtel. Und nach eim Jahr hat er sie so weit, da stellt er die Streichholzschachtel auf ein Tisch, leer natürlich, aber die Ameise is drin. Unna klopft er auf den Tisch, na kommt die Ameise rausgekrabbelt, geht einmal um die Streichholzschachtel rum und krabbelt wieder nei. Nach zwei Jahren hat er sie so weit, na stellt er wieder die Streichholzschachtel hin, klopft auf den Tisch, na kommt die Ameise raus, geht dreimal außenrum und klettert wieder nei. Nach drei Jahren hat er sie so weit, da hat er so ein kleines Fahrrädle extra für die Ameise gebastelt, ne, klopft er auf den Tisch, kommt sie raus aus der Schachtel, steigt auf des Fahrrädle, fährt einmal außenrum, steigt ab und geht wieder nei: Unna denkt er sich, so, jetzt könnt ich des emal meinen Kollegen vorführen, ne. Na ruft er so seine Kameraden zam, die ganzen armen Irren, und stellt, setzt sie um ein Tisch rum und legt die Zündholzschachtel dahin, große Spannung, na klopft er auf den Tisch, und die Ameise kommt rausgekrabbelt, steigt auf des Fahrrad, und plötzlich macht einer von dene: „Uhh, e Ameise!“

Zerdrückt mit dem Daumen eine imaginäre Ameise.

E Ameise! Und drückt sie so zusammen, zerquetscht sie.

Lacht laut und ausgiebig.

So, jetzt kommen mir zum Ernst des Lebens und damit zum Thema meines Vortrags: Die ANM. Die absolute naturgetreue Maßstabsgerechtigkeit.

Wir alle haben einmal klein angefangen, liebe Modellbahnfreunde. Bei uns allen gab es einmal einen kleinen Schienenkreis, eine Tenderlokomotive, zwei Personenzugwägen und einen Gepäckwagen oder einen Güterwagen mit Bremserhäusle, einen Bahnhof und einen Tunnel. Dort waren wir Lokomotivführer, Fahrdienstleiter, Stationsvorsteher, alles auf einmal. Das ganze Jahr über haben wir uns auf Weihnachten gefreut, denn dann haben wir von unserem Vater neue Gleise, neue Wägen und neue Loks geschenkt bekommen und Fallerhäuser und von Kibri. Und dann haben wir eine richtige Anlage gehabt auf einer Preßspanplatte mit Weichen, Kreuzungen, Doppelkreuzungsweichen, mehreren Stromkreisen und Trafos. Eine Nebenbahn ist auf einen Berg aus Styroporfelsen naufgefahren, es hat Schranken gegeben, die wo automatisch auf- und zugegangen sind, und ein Teil der Strecke ist schon mit Oberleitung elektrifiziert gewesen. Die Mutter haben wir gebettelt, daß der Christbaum länger als wie Dreikönig stehenbleiben darf, weil dann die Anlage noch nicht wieder nunter in den Keller gemußt hat.

Und endlich war es soweit, liebe Modellbahnfreunde: Wir sind vor unserer ersten stationären Anlage gestanden! – Bei mir war des zur Belohnung, wie ich die Aufnahmeprüfung nei der Oberschul geschafft hab. – Endlich Zugverkehr ganzjährlich! Endlich verbesserte Landschaftsgestaltung, Grasmatten auf Fliegengaze, isländisch Moos, Dörfer, Städte, Straßen! Und vor allem: Endlich Rahmenbauweise und damit Zugänglichkeit von unterirdischen Streckenabschnitten, denn wie es drunter aussieht, das geht uns sehr wohl etwas an! Ich sag nur ein Wort: Kabelsalat. Ein komplizierter Gleisplan verbindet vier Bahnhöfe plus zugehörige Ortschaften. Drei getarnte Abstellbahnhöfe, um das enorme Zugaufkommen zu bewältigen. Nach und nach simulierter fahrplanmäßiger Fahr- und Rangierbetrieb mit elektronischer Streckenblocksicherung, vollautomatisch, auf drei doppelgleisigen elektrifizierten Haupt- beziehungsweise Fernstrecken, zwo eingleisige Nebenstrecken, sowie: eine Zahnradbahn, eine Werkbahn, Schmalspur, und eine Seilbahn! Und das alles auf einer Fläche von maximal 8 Quadratmeter, das liebe Modellbahnfreunde, ist –

Sehr ernst.

Das Gegenteil von ANM.

Wissen Sie, wie weit auf dere Anlage Würzburg von München weg gewesen is? – Umgerechnet net emal 200 Meter, und wenn die 103 vom Intercity in Hamburg-Altona Einfahrt ghabt hat, war der Quick-Pick noch in Bebra. Keiner von uns glaubt an den Nikolaus, aber auf unserer Anlage nehmen mir solche Zuständ hin. Mir dulden des sogar, wenn manche von uns – ich will hier keine Namen nennen – wenn die damit angeben, was für Zubehör sie noch alles neigstopft ham in ihren Schrottplatz.

Und dann sin da noch die Schlauberger. Die wandern einfach ab! Von Hanull 1:87 zur Spurweite N 1:160. Und die ganz Durchtriebenen ham sich abgedrückt zur Spur Z... Mir wissen, wer gemeint is... und diejenigen wissen, daß sie gemeint sin... und ich weiß, was ich zu halten hab von jemand, der wo sein Maßstab wechselt anstatt sein Unterhemd...

Aber wenn wir als alte Hanull-Hasen von dem Zug net abspringen, stoßen mir uns selber den Dolch in den Rücken: Wir weichen schamlos vom großen Vorbild ab. Demnächst gehn dann nämlich die Spielzeughersteller her und bauen frei erfundene Lokomotiven nach Privatwünschen! Und des wird sich rächen. Wir werden nicht ungestraft das große Vorbild mit Füßen treten. Denn: Ohne Reichsbahn und Bundesbahn gäb es kein einzigen Modellbahner auf dere Welt. Seien Sie ehrlich, liebe Modellbahnfreunde! Sie alle haben ein schlechtes Gewissen, weil Sie den Verrat am großen Vorbild halt mit ein paar Unterflur-Weichen- und Signalantrieben vertuschen. Und ich sage Ihnen: Damit ist es nicht getan. Ich sage Ihnen: Ein rechtschaffener Modellbahner liebt das große Vorbild über alles, er eifert ihm nach mit allen seinen Anlagen.

Liebe Modellbahnfreunde, nur absolute Vorbildtreue kann uns noch retten. Mein Vater

Pause.

hätt gsagt: ANM, ANM und noch emal ANM.

ANM heißt: Schluß mit Gleiswirrwarr und chaotischen Streckenverhältnissen.

ANM heißt: Keine Spielgleise mehr mit Schwellenkörpern aus Blech und deutlich sichtbaren Punktkontakten.

ANM heißt: Enge Kurven- und Weichenradien gehören der Vergangenheit an.

ANM heißt: Fabrikneue Lackierung weicht Spezialbehandlung. Unsere Fahrzeuge werden geweathert. Das kommt vom englischen „weather“, zu deutsch Wether ... Zu deutsch Wetter, das heißt, alle Fahrzeuge werden mit einer Patina aus Humbrol- und Plakafarben eigener Mischung versehen. Der wahre ANMler jedoch geht den ganzen Weg:

ANM heißt: Sämtliche Loks und Waggons aus serienmäßiger Spielzeugfertigung werden ausgemustert.

ANM heißt: Wir müssen uns von der Modellbahn unserer Kinder- und Jugendzeit trennen.

Liebe Modellbahnfreunde, ich präsentiere Ihnen keine Modelleisenbahn mehr, sondern –

Pause.

eine Landschaft!

Die Landschaft auf der Anlage ist völlig abgebrannt.

Natürlich nehmen mir keine x-beliebige Landschaft, sondern eine, die wir gut kennen und lieben. Mit meim Vater bin ich oft in der Rhön gewandert. Ich liebe die Rhön. Eine weitläufige Mittelgebirgslandschaft vulkanischen Ursprungs. Karge Vegetation. Ein kleiner Fluß windet sich hindurch.

Liebe Modellbahnfreunde, erst war die Landschaft, dann kam die Eisenbahn. Und net umgekehrt. Also gilt für die Gleisführung: In der Beschränkung zeigt sich der Meister. Wir beschränken uns auf eine eingleisige Nebenstrecke, nicht elektrifiziert. Sie kommt hinter einem Hügel hervor, überquert den Fluß mittels einer kombinierten Eisenbahn- und Straßenbrücke und zieht sich in weitem Bogen zu einem Dorf mit Namen Schönblick. Die Strecke endet hier. Früher ging sie da noch weiter, aber heute is da Osten ... Niemandsland. –

Liebe Modellbahnfreunde, ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß vor drei Tagen nach einem schweren Zugunglück, wie es Schönblick selbst in meiner Jugend nicht gekannt hat, meine Anlage zu großen Teilen abgebrannt ist. Ich kann sie Ihnen also nicht vorführen. Ich wollte daraufhin diese Vorführung absagen. Man hat mich aber gebeten, den Vortrag dennoch zu halten. Ich sagte schließlich zu, und zwar aus dreierlei Gründen:

Erstens: Habe ich nach drei Jahren Arbeitslosigkeit mein Hobby zum Beruf gemacht. Ich bin also auf die Einkünfte aus meinen Vorträgen angewiesen. Ich bin des lebendige Beispiel dafür, daß Arbeitslosigkeit net in Nixtuerei ausarten muß.

Zwotens: Bin ich sicher – mir sin ja hier Modellbahnkenner unter sich –, daß Sie sich des Meiste ohne Schwierigkeit selber vorstellen können.

Drittens: Geschah die Katastrophe im Zuge eines Experiments zur absoluten naturgetreuen Maßstabsgerechtigkeit. Es ist also geradezu meine Pflicht, Ihnen hiervon zu berichten.

Vor drei Tagen führte ich auf meiner Anlage die maßstabsgerechte Hanullzeit ein.

Hanullzeit ist Zeit im Hanull-Maßstab 1:87. Eine Hanullstunde dauert also eine siebenundachtzigstel Stunde. Nach der Zeitrechnung des großen Vorbilds sind das nur 41 Sekunden.

Schaut auf seine Armbanduhr.

Bieep!

41 Sekunden Schweigen.

Bieep! Das war eine Hanullstunde. Soweit ganz einfach.

Die Hanullzeit muß aber auch auf die maßstabsgerechte Hanullgeschwindigkeit angewendet werden. Mein Hanullzug benötigt demnach für ein und dieselbe Strecke nach Einführung der Hanullzeit nurmehr ein Siebenundachtzigstel der Zeit, die er vorher brauchte. Vorher:

Macht 87 kleine Schritte.

1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32, 33, 34, 35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59, 60, 61, 62, 63, 64, 65, 66, 67, 68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87. Nachher:

Macht einen Sprung.

Eins! Das war Hanullgeschwindigkeit! Ich fertigte sofort einen Spezialmotor für meine liebste Tenderlokomotive, die noch aus meiner Kindheit stammt. Der Spezialmotor hat sie auf echte 30 Stundenkilometer beschleunigt. Schon die erste Testfahrt wurde zum Debakel. Meine Lok is in der ersten Kurve entgleist, der Spezialmotor hat sich überhitzt und zu brennen angfangen, die Grasmatten ham Feuer gfangen, die Sträucher ham gebrannt wie Zunder, auf dem Hügel hat es ein Waldbrand geben, die Schienen und die Brücke ham geglüht und sich verbogen, die Funken sin auf des rechte Flußufer übergsprungen, und der Kleber, der wo dort die Gebäude zusammenhält, is leicht entflammbar. Schönblick is sofort evakuiert worn, aber für manche kam alle Hilfe zu spät. Ich hab grad mein Zimmer gelüftet, also hat sich die Feuersbrunst den Hang nach Schönblick hochgfressen, und scho hat die ganze Anlage gebrannt. Ich hab mit nassen Bettüchern gelöscht, aber die Oma gegenüber hat wegen dem Rauch den Hausmeister angerufen, der is naufkommen und hat mich zamgstaucht, ich hab nur noch krulchen können, und der hat dem Hausbesitzer Meldung erstattet und Anzeige, und gestern hat der mir fristlos gekündigt. Meine Lok is in den Fluß gerutscht, und wie ich sie rausgfischt hab, hat sie ausgsehn wie ein Klumpen Blei.

Nimmt den „Klumpen Blei“ aus dem Fluß und reicht ihn einem Zuschauer.

Und mein Lokomotivführer is in des Kunststoffgehäuse eingschmolzen ... Gewesen.

Liebe Modellbahnfreunde, Sie haben noch intakte Anlagen zu Hause. Aber einer mußte ja einmal diesen Schritt tun. Ich habe meine Anlage dem Fortschritt der ANM geopfert. Sie dagegen opfern gar nix, Sie ham nur Ihr Spielvergnügen im Kopf. Meinen Sie vielleicht, mir tut des net weh, daß sie verbrannt is! Jetzt lächeln Sie darüber, daß ich die maßstabsgerechte Zeit eingführt hab. Nix abwiegeln! Ich weiß ganz genau, wie in Fachkreisen über mich gedacht wird.

Liebe Modellbahnfreunde, lassen Sie uns doch diese schweren Stunden gemeinsam bewältigen. Gut, ich geb zu, des mit der Hanullzeit war ein Fehler. Aber is des wirklich nur mein Fehler? Mit der Zeit, da wird doch scho beim großen Vorbild Schindluder getrieben. Obacht! Ein waschechtes Jahr beim großen Vorbild soll ja 365 Tage dauern. Angeblich! Und in Wirklichkeit? In Wirklichkeit, da hat mer, alle vier Jahr hat mer ein Schaltjahr, des heißt aber, da wird nix gschalten, da wird, da wird einfach beim Februar, der hat dann einfach statt 28 Tage 29 Tage, also ein GANZEN Tag mehr heißt des. Des heißt doch auf gut deutsch, daß einfach der Kalender net stimmt. Unsere ganze Zeitrechnung is von vorn bis hinten erlogen.

Und Silvester! Da geht ja immer ein Jahr zu Ende, und des neue Jahr fängt an. Da gibts ja, da muß es ja e Stelle geben, also e Minute oder Sekunde oder Millisekunde oder so, wo genau des alte Jahr aufhört und des neue Jahr anfängt, also wo des sozusagen aneinanderstößt. Und den Punkt, den, den trifft mer nie, den treffen die a im Fernsehn net, wo sie die offizielle Zeit machen, den Punkt ... Was is des überhaupt für ein Punkt? Da hört was, des alte Jahr auf, und des neue Jahr fängt an. Wird behauptet. Aber in Wahrheit gibts den Punkt gar net, weil ein Punkt is ja bekanntlich unendlich klein, also kann mer den gar net treffen, selbst wenn mer sich noch so anstrengt. Es gibt überhaupt keine Punkte. Des sin alles nur Notlügen. Wo nix is, kann mer a nix treffen.

Aber warum feiern dann alle? Vielleicht weil sie denken, jetzt ham mer scho den Kalender, und da hörts halt emal beim einedreißigsten Dezember auf, und dann fängts beim ersten Januar wieder an, und dann änder ich mein Leben. Bloß des is Trick 17 mit Selbstüberlistung, weil erstens stimmt der Kalender net, und zwotens ändern tut sich an dem angeblichen Punkt erst recht nix; Beweis: mer is nämlich davor genauso besoffen wie mer nachhert is. Aber überall wird groß getönt: Heute fängt ein neues Leben an, ab heute wird alles anderst! – Lüge! Warum läuft denn nix mehr in Deutschland? Weil Lügen kurze Beine ham. Is alles erstunken und erlogen. Des Jahr schert sich doch ein Dreck dadrum, ob ich mir jetzt was vornehm oder net, des, des Leben geht weiter, des Leben geht einfach weiter! Da fragt doch keiner, was ich mir vornehm. Ich kann viel, mir viel vornehmen. Ich kann mir vornehmen, ich will, im neuen Jahr will ich ein Neger sein. Wenn ich dann Schlag zwölf schwarz wern würd, des wär Veränderung! Die sich gewaschen hat. Die würd mer nämlich sehen, des wär überprüfbar, jeder würd des sehn und merken. Der würd sehn, aha, der Roland is jetzt ein Neger. Ich hab des versucht. Silvester 85/86! Und? Sehen Sie hier ein Neger? Nein. Daraus folgt: ich kann mich net ändern. Und wenn mir zehnmal Silvester ham.

Selbst wenn ich jemand erschieß, dann ändert sich bloß für den was, aber für mich ändert sich gar nix. Dabei wär des doch nur gerecht, daß in dem Moment, wo ich den erschieß, daß des mich genauso verändert, wie des den verändert, den wo ich erschossen hab. Tut des aber net, weil der lebt nämlich nixmehr, wohingegen so für mich gsehn, der wo ich gschossen hab, für mich geht des weiter, während dem sei Uhr abgelaufen is. Also mein Opfer, des HAT so e Art Silvester, da hört was auf, nämlich sei, daß es gelebt hat, des hört auf, und sein, was weiß ich, was da kommt ... Des alte hört auf, und des neue fängt an.

Und zwar ganz wurst, ob Silvester, Neujahr oder Fronleichnam is, oder Weihnachten auf Ostern fällt: ICH bleib alleweil der Allergleiche, aber alles andere änder ich andauernd. Im andern fuhrwerk ich drin rum, daß es e wahre Pracht is. Ich brauch bloß in die Natur neigehn: Dort tret ich mit dem Fuß in ein Bach nei und verschieb den Sand, dann fließt der Bach anders. Und dadurch, daß der anders fließt, holt der von der anderen Seite eweng Erde weg oder eweng Laub, und dadurch verändert sich der Bachlauf, und später emal, dadurch, daß der eweng stärker fließt, nimmt er wieder anerer anderen Stelle mit, dann kann der besser durchfließen, des heißt, des nächste Mal, wenns ein Gewitter gibt, fließt noch mehr, fließt des Wasser wieder reißender durch, und so wird der immer größer und immer größer nur aufgrund dessen, weil ich da einmal mit dem Fuß hingstiegen bin.

Schlägt mit der Hand in den Fluß, Wasser schwappt auf den Boden, er springt zurück, spricht mehr und mehr zur Anlage.

Da! Könnt genausogut a durch sowas, könnt ich e Sintflut auslösen, oder ein Weltkrieg kann durch sowas passieren. Der passiert gar net durch jemand, der wo nachhert als Sündenbock dafür herhalten muß, so wie der Hitler fürn Zweiten Weltkrieg herhalten muß. Des war ein kleines Kind, wo in der Steinzeit so wie ich an eim Bach gspielt hat und ein Zweig andersrum gelegt hat, daß es ein kleinen Damm geben hat, und dann is der Bach anders gflossen, und weil der Bach anders gflossen is, is der zu eim großen Strom geworn, und der große Strom hat ganze Regionen überschwemmt und Felder überflutet, und die Kühe und die Scheunen und die Schweine sin rumgschwommen, und dort hats dann Sümpfe geben, und wegen den Sümpfen is die Luftfeuchtigkeit gstiegen und hat die Pest ausgelöst, und des ganze Klima hat sich verändert, daß es woanderst e große Dürre geben hat und dann e Hungersnot, und davor is ein Volksstamm gflohn, und ein ganzes Volk mußt umziehn, und es hat e Völkerwanderung geben, und der Strom is noch größer geworn und hat sein Lauf verändert und war inzwischen die natürliche Grenze zwischen zwei Völkern, und die Völker sin auf den Strom geprallt und sin draufgstürmt, und des waren dann, und deswegen sin dann die Deutschen ham dann da gelebt, wo sie jetzt leben, und scho is passiert! Aber nachhert kann ich doch net des kleine Kind aus der Steinzeit, des is doch, des is jetzt schuld. Aber ich hab dich net mit Fleiß verbrannt. Und ab heut will ich fei Obacht geben. –
Darf ich
In dein Reich
In deine Arme? –
Maria hilf!!

Stürzt zur Anlage.

Mir wollen nochemal ganz von vorn anfangen. Ein neues Leben. Weißt du noch, wie der erste Zug nach Schönblick naufgfahren is? Jungfernfahrt. Erinnerst du dich noch, wie auf Schönblick Richtfest war? Der Bürgermeister war da, es hat Freibier geben, und alle Leut waren fröhlich.

Singt.

Froh zu sein bedarf es wenig,
Und wer froh ist, ist ein ...
Froh zu sein be- ... Froh zu sein ...

Ich liebe dich. Für mich bist du die Schönste

Pause.

Gewesen. Wenn ich dich geliebt hätt, wärst du heut net schwarz. Ich bin ein Schwein.

Kniet nieder.

Ich bin ein gemeines Schwein.
Ich will ganz wahrhaftig sein.
Gott sieht mir ins Herz hinein,
Läßt sich nicht betrügen,
Will nicht, daß wir lügen.

Zieht seinen Gürtel aus und schlägt sich damit bei jedem Satz.

Ich bin schuld.
Ich bin schlecht.
Ich bin schlimm.
Ich bin böse.
...

Man hört ein Geräusch von der Anlage, ein Schienenbus taucht auf und fährt über das Gleis.

Da kommt der rote Teufel. Der Triebwagen. VT 98. Schön!

So, jetzt anhalten. Schönblick. Endstation.

Halt. Anhalten! Bleib stehen! Zurück! Bleib da! Bleib doch da!

Der Schienenbus stürzt ins „Niemandsland“.

Komm doch wieder zurück. Bitte.
...

Legt sich den Gürtel um den Hals, würgt sich während der folgenden Sätze, zerrt an dem Gürtel, bis er auf den Boden hinschlägt.

Wie nennt mer so jemand, der wo sowas gemacht hat? Hä? Hä? Was wird mit so jemand gemacht, der wo sowas gemacht hat? Hä? Hä? Weißt du, was dir gehört? Dir ghört ein paar auf dei dummes Maul! Dei dummes Maul! Schämst du dich denn überhaupt net? Verrecker! Dreckerter Hundsverrecker!

Fällt in Ohnmacht, erwacht, hustet, macht den Gürtel ab, steht auf, wendet sich strahlend ans Publikum.

Jetzt kann ich Ihnen wieder unter die Augen treten.

Hebt den Kaugummi auf, der ihm beim Würgen aus dem Mund gefallen ist, zeigt ihn dem Publikum.

Mein einziges Laster.

Steckt den Kaugummi wieder in den Mund, packt einen frischen Kaugummi aus, steckt den auch in den Mund.

Also mei Verlobte, die Marlene – jaja, ich war emal verlobt –, die hat mich nie mit meim Schwanz in sie neigelassen. Mir ham e paarmal Petting gemacht, aber mit meim Schwanz hab ich nie in sie neigedurft. Naja und wie ichs erstemal zurer Nutte gangen bin ... Damals hat des so grad angfangen mit den, wo mer genannt hat diese Massagesalons, und, naja ich hab mir gedacht, nimmst net so e auffällige Anzeige, in der Zeitung hats die damals geben, sondern so eweng unauffälliger, na bin ich da hinkommen, und des war e richtig alte Frau mit Runzeln im Gsicht und hat kaum mehr Zähn ghabt und hat so e schlaffe Haut ghabt, und ich hab vorher zweimal gewixt ghabt, damit ich, damit ich net vor Aufregung sofort abspritz, aber dann hab ich da, hab ich mein Schwanz gar nixmehr hochgebracht. Die war a irgendwie, da, die hat dann so versucht mein, der war dann so e bißle steif is er natürlich scho geworn, und die hat so ein Pariser drübergstülpt und hat dran gerubbelt, und dann hat sie versucht sich den neizustecken und hat ihn sich a neigsteckt, aber die war scho wie so, ausgeleiert wie so e alte Einkaufstasche.

Lacht laut und ausgiebig.

Und ein paar Wochen später – aber die war nett, die war nett. Und ein paar Wochen später, da bin ich zu einer gangen ... Die hat so in eim, innerer Straß, so e bißle e Industriegebiet war da, und da gabs a so eweng Wohnhäuser, und, ja da wars Winter draußen und kalt, und ich bin da hinkommen, und dann hat die mir aufgemacht, und die war schön, die war jung und schön, und wie sie sich ausgezogen hat, hat mer gsehn, daß sie e schöne, so e stramme Figur ghabt hat, und des war scho schön mit der. Aber ich hab sie ja net küssen dürfen und, so mit dem Pariser ... Obwohl des scho gut war des Gfühl. Und ich weiß a noch heut, wie sich ihr Busen so angfühlt hat, der war so fest, aber des war halt nur auf sorer Couch, und nachhert mußt ich a ... Gleich wieder gehn und, küssen hab ich sie a net dürfen, des kostet halt alles mehr. Und wie ich ihr ins Haar gelangt hab, „nä, lang mir net ins Haar, mei Frisur geht kaputt!“ dabei hat sie gar net bsonders lange Haar ghabt oder so, mehr so ein Bubikopf oder wie mer des nennt. Und zu der hab ich mich nie mehr hingetraut. Wahrscheints weil ich gedacht hab, daß ich, daß ich dann anfang zu flennen oder irgendsowas oder ... Ich versteh des a net, ich wollt ... Und so is des immer! Da war ich feig. Wenn ich ein Mut ghabt hätt, dann wär ich wieder hingangen zu der und hätt gsagt, ich liebe dich, und daß ich sie heiraten will. Die hat a so e bißle gstöhnt, des weiß ich alles noch. Ich mein, mir waren net emal in eim richtigen Bett gelegen, des war halt nur auf sorer Couch, auf som Sofa, und ich war dann viel zu schnell fertig, als daß ich vielleicht jetzt, die hat so e bißle zu stöhnen angfangen ... Und vor ein paar Monaten bin ich da wieder hingangen, und dann hats des Haus gar nixmehr geben.

Lacht laut und ausgiebig.

Manchmal hab ich mir vorgstellt, daß die so in dem Moment vielleicht Mitleid mit mir ghabt hat. Ich war ja damals erst, naja ich war von der Schul runter, 17 war ich, und des Geld hab ich meiner Mutter aus ihrm geheimen Portemonnaie geklaut, wo sie heimlich für Parfüm und so gspart hat, aber der Papa durft des net wissen, der hätt sie verdroschen und hätt gsagt, du gibst sowieso scho zuviel fürn Haushalt aus! und sie hat gedacht, von dem Portemonnaie weiß keiner, aber ich habs gewußt. Und dann hab ich mir sowas zamgeträumt, daß ich sie treff, und daß mir heiraten, daß sie zu mir sagt: „Du warst ganz anders wie all die andern, die wo ich ghabt hab, und des hat mir keine Ruhe gelassen.“ Aber des is natürlich net passiert. Frauen machen sowas net. Die laufen eim net hinterher. Dafür ghört jeder Frau da unten e Handgranate neigschoben. Da würd sich wieder emal was ändern.

Lacht.

Bum! Bum!

Lacht laut und ausgiebig.

Buhmmm!!!

Stille.

Jetzt kommt der nächste Weltkrieg. Alle guten Dinge sin drei. Früher oder später kommt er sowieso. Wieso soll auf einmal kein Krieg mehr kommen? Nach jedem Krieg hat mer geglaubt, es kommt keiner mehr, jedesmal is wieder einer kommen. Wieso soll jetzt grad des erste Mal sein? Bloß weil mer jetzt die ganze Erde in die Luft jagen kann? Lächerlich. Drei Milliarden Menschen warten dadrauf, daß sie abkratzen können. Warum hilft ihnen denn keiner? Seitdem daß es Menschen gibt, ham sie davon geträumt, daß sie ewig leben können, und des geht jetzt sowieso net, weil wenn nachhert auf einmal alle anfangen ewig zu leben, dann gibts die totale Überbevölkerung. Wollt ihr die totale Überbevölkerung? – Ja!, schreien alle Neger und Inder und steigen auf ihre Weiber. Wenn mir jetzt alle auf den Untergang zusteuern, dann liegt des doch dadran, daß der Mensch im Schnitt zu blöd is. Im Schnitt.

Lacht.

Käse im Schnitt.

Lacht.

Im Schnitt können ja nur die Weiber blöd sein. Ich wasch meine Hände in Unschuld.

Lachen verebbt.

Im Durchschnitt natürlich. Mir wissen net emal, wie lang im Durchschnitt ein Jahr is und wollen ewig leben. Keiner hier weiß, wie lang ein Jahr beim großen Vorbild wirklich dauert.

Zur Anlage, feierlich.

Ich hab dich net vergessen. Ich mach Ordnung im Kalender. Des schwör ich dir. Des bin ich dir schuldig, daß ich die Zeit beim großen Vorbild auf Vordermann bring. Und nun frisch ans Werk! Auf vier Jahre ham mir immer ein Schaltjahr, also ham mir 365 Tage und – Halt, stopp emal!

Greift von der Seite in den Hügel, holt ein in Papier geschlagenes Wurstbrot und eine Flasche Fanta heraus, setzt sich auf einen Stuhl neben die Anlage, öffnet mit einem Taschenmesser die Flasche.

Zum Wohlsein!

Gießt einen Schluck Fanta in den Fluß.

Damit mir wieder auf Normalnull sin.

Schneidet mit dem Taschenmesser ein Stück belegtes Brot ab, spießt es auf die Klinge, führt es zum Mund.

Ein guten!

Ißt und trinkt.

So. Es geht los. Nicht hinauslehnen. Do not lean out. Ne pas se pencher au dehors. E pericoloso sporgersi. Und du gibst fei schön Obacht, daß ich kein Fehler mach. Gleis 13, bitte einsteigen, Türen schließen selbsttätig, Vorsicht bei der Abfahrt: Auf 4 Jahre ham mir immer 365 Tage und ein viertel Tag, also, also 6 Stunden. 365 Tage und 6 Stunden dauert ein Jahr.

Aber! Dann fällt, einmal im Jahrhundert fällt des Schaltjahr aus. Also des stimmt dann a wieder nixmehr. Nachhert hat mer ja zw-, vier-, 25 Schaltjahre hat mer in eim Jahrhundert, Moment emal, also 1900 is ja ein Schaltjahr, und 2000 is a wieder ein Schaltjahr, bloß da is dann kein Schaltjahr, aber jedenfalls wärs dann, des is ja dann immer eins mehr, also hätt mer ... Inklusive 1900, mer muß halt dann rechnen entweder von 1901 bis 2000 oder von 1900 bis 1999, und auf die 99 Jahr ... Also des sin dann 100 Jahr, aber die heißen 99 Jahr, hat mer 25 Schaltjahr. – Des mit dene 100 und 99, des is so, wie wenn mer so Telegraphenstangen hat, und wieviel Abstände sin dazwischen. Wenn ich zum Beispiel 24 Abständ hab, hab ich 25 Telegraphenstangen. Und jetzt hab ich 99 Jahre ... Nä, jetzt hab ich 100 Jahre, was sin denn jetzt die Telegraphenstangen und was ... Also, zum Beispiel, von 1 bis 10, da geht des schneller. Wenn ich von 1901 bis neun-, von 1900 bis 1910 sin 10 Jahre, des is ja klar, genauso wie von 1900 bis 2000 100 Jahre sin. Jetzt hab ich 1900,

Zählt an den Fingern.

da is aber noch nix vergangen, 1901 is 1 Jahr, 1902 is 2 Jahr, 1903, 4, 5, 6, 7, 8, 9?

Ist schon beim zehnten Finger, stutzt, nickt.

9!

Fängt mit einem Daumen wieder an.

10. Sin 10 Jahre, genau, ich hab also 11 Zahlen, des sind die Telegraphenstangen, 1900 is die erste Telegraphenstange, und dann hab ich, wenn ich bis 2000 geh, hab ich hundertundeine Telegraphenschla-, stange und 100 Zwischenräume ... Richtig. Und jetzt hätt ich, auf diese Zeit gerechnet hab ich 100 durch, geteilt durch 4 sin, is 25 Schaltjahre, wenn ich jetzt aber die eine Telegraphenstange mit dazu rechne, hab ich 26 Schaltjahre, des kommt aber jetzt drauf an, ob die, also ob ich im Jahr 2000 und im Jahr 1900, ob die überhaupts als Schaltjahre zählen. Weil die nämlich nicht zählen, hab ich, wenn ich jetzt den Tag weglaß, wos Jahr 2000 anfängt, dann hab ich ja genau 100 Jahre, vom ersten Tag von 1900 bis letzten Tag 1999. Des hört sich komisch an, aber weil ich ja die Null von 1900 hab, des is dann sozusagen die Null von der 100 am Schluß. Und wenn jetzt 1900 kein Schaltjahr is, dann hat des ja nur 365 Tage, des heißt ... Des heißt, daß ich ... Des heißt, daß ein Jahr wieder kürzer dauert, und zwar genau ... Also des wär dann auf 100 Jahre ein Tag kürzer. Des heißt, daß von den 365 Tagen und 6 Stunden müß mer noch emal ... Ein hundertstel Tag abziehn. Ein hundertstel Tag sin 24 hundertstel Stunden, sind 12 fuchzigstel Stunden, sin 6 fünfezwanzigstel Stunden, oh jetzt muß mer mit Minuten ... Ja dann mach ichs, 24 hundertstel Stunden is 24 mal 60 hundertstel Minuten, vielleicht gehts jetzt damit, 24 mal 6 zehntel Minuten, mal 6 Zehntel, 24 mal 3 Fünftel, des geht immer noch net auf, aber mit halben Minuten kann mer ja vielleicht re-, 24 mal 3 Fünftel; wenn ich jetzt wieder nehm ich 24 mal 3 Fünftel und jetzt mal 60, hab ich Sekunden, also 24, 60 durch 5 sin 20, hab ich 24 mal 3 mal 20 Sekunden, sind 24 mal 60? Nä. Moment. 60 durch 5 sin gar net 20, 60 durch 5 sin 12. Richtig. Also 24 mal 3 mal 12 ... Sekunden. Des sin wieder, 24 mal 10 sin 240, mal 2 sind 48, 240, 280, 288 mal 3, 288 mal 3 sind 600, 6 mal 8 is 48, also, was? 288 mal 3. 3 mal 8 sin 24, also zweihunde-; 600, 3 mal 8 sin 24, sin 240, 840 ... Na des is ja total umständlich, naja 840, und dann noch emal 24 sin 864 Sekunden. Also 864 Sekunden – müssen wieder abgezogen wern von, von den 6 Stunden, die wo des Jahr länger wie 365 Tage dauert. Dazu rechnen mir die 864 Sekunden in Minuten um.

Holt einen Kugelschreiber aus der Jackentasche, rechnet auf dem Butterbrotpapier.

864 mal 60 sin –, Null, 6 mal 4 sin 24, 2 gemerkt, 6 mal 6 sin 36, 8, 3 gemerkt, 6 mal 8 sin 48, 3, 51. Und des müssen mir in Stunden 51 840 mal 60 sin –, Null, 6 mal Null sin Null, 6 mal 4 sin 24, 4, 2 gemerkt, 6 mal 8 sin 48, 50, Null, 5 gemerkt, 6 mal –, sin 6, 11, 1, 6 mal 5 sin 30, 31. 3 110 400 ... Stunden ...

Weint.

1, 2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19, 23, 29 mal 3 is 87 is die Postleitzahl von Würzburg Vergißmeinnicht die Postleitzahl 29 is unteilbar ich bin 29 des kgV von 29 und 87 is 29 ich bin 29 ich bin eine Null eine Null is eine runde Sache ich möcht heim ich möcht heim.

Schreibt.

Lieber Unbekannter, der du dies finden wirst!
Auf einer Insel ganz allein,
Da lebe ich mit meinem Schwein.
Und eines Tags da wirds geschlacht,
Drum zitterts heute schon vor diesem Tag,
An dem die Schwarte kracht.

Zerknüllt das Papier, ballt die Faust.

Roland, Roland, dein Vater hat dich gewarnt ... Ghabt: Dein ärgster Feind is der innere Schweinehund. Für Hosenscheißer und Hirnverbrannte is kein Platz auf dere Welt.

Ißt das Papier.

Du hast des so gewollt. Ich kann auch anderst. Kann GANZ andere Saiten aufziehn.

Geht zur Anlage.

Ich zerbrech mir hier den Kopf, und du machst dir ein Lenz. Sag mir doch emal, was eins und eins is? –

Schweigen im Walde. Aber mich so hinstellen, als könnt ich net rechnen, ne. Da hast dich fei ganz schön verrechnet. Des sag ich dir fei bloß. Als wüßt ich net, ... DES kannst du, des is alles, was du kannst. Alles, was DU kannst, is MICH für ein Arschloch hinstellen. Du hast mich verraten. Verraten und verkauft. Für blöd verkauft VOR allen Leuten. Und mein Vater auch. Und deswegen is er a abgekratzt. DU hast mein Vater unter die Erde gebracht. Weil er deine Dummheit net ausghalten hat. Recht hat er!

Pause.

Ghabt. Aber den Gfallen tu ich dir net. Net mit mir. Mit mir net. Ich will dir emal eins sagen: Du kannst doch froh sein, daß du bloß verbrannt bist. Da kannst du ja noch dankbar dafür sein. Aber du fühlst ja NIX. Wem verdankst du denn, daß du überhaupt da bist?

Nä, aber ein sturer Trotzkopf. Steht da rum und rührt sich net. Rührt sich net ums Verrecken! Gut. Sollst du verrecken.

Holt Hauptkabel und -stecker, droht, den Stecker herauszuziehen.

Was wimmert denn da so? Ham mir wohl eweng Schiß? –

Du hoffst, daß ich jetzt Mitleid mit dir hab, weil du so verkohlt bist? Und ich sag dir: Du hast dich mit Fleiß abgfackelt! Is doch alles mit Fleiß. Damit ich wieder Mitleid mit dir hab statt endlich zurückzuschlagen! Hinterfotzige Obersau. –

Was? Ich? Des mußt du grad sagen. Grad du mußt des sagen. Du bist die Sau von uns beiden. Du bist schuld. –

Ich hab Zeit. Ich hab sehr viel Zeit. –

Da kann mer nämlich wieder emal sehn, was du von mir hältst. Du hältst mich immer für so klein hältst du mich. Du glaubst net emal, daß ich des fertigbring, ein Schukostecker aus der Dose zu ziehen. Du glaubst, ich mach des net, du glaubst, ich trau mich des net. Du glaubst, ich mach das net, hä? Glaubst du! Glauben heißt Nixwissen, meine Lieben. Amen! –

Jetzt wirst auf einmal so redselig. Mhm, willst wohl Zeit gewinnen? Eweng Hanullzeit gewinnen, was? Gut! Sollst du reden dürfen. Für dich tu ich doch alles, ich seh des gern, wenn du dich aufspielst! Na Bahnhof, wie gehts uns denn? –

Ja, sagt der Bahnhof, scheint mir heute die Sonne aufs Dach, es wird ganz warm, und die Dachpappe wird heiß, und der Teer drauf wird heiß, obwohl ich bin gut, gut gebaut, ich halt des durchaus aus. –

So, du hältst des durchaus aus? Aha. Aber wenn der Saft weg is, dann gibts nix mehr zum Aushalten. Wo nix is, is a nix zum Aushalten. –

Am besten hat es heute natürlich in der Sonne des Bahnsteigdach. Da scheint die Sonne drauf, und es spiegelt sich und wirft Schatten auf den Bahnsteig, lauter kleine Viereckle, so wie daß mehr Schiffeversenken spielen kann. Und des sagt zu dem Bahnhofsgebäude, ohne mich wärst du ja überhaupt nix. Na, sagt des Gebäude, ohne mich wärst du überhaupt nix, weil stell dir emal dich vor ohne irgendein Gebäude. Na, sagt des Glasdach, des stimmt, aber du mußt zugeben, daß ich dir bsonders gut steh. Ja, sagt des Haus, obwohl ich für mich allein genommen a net schlecht bin. Zum Beispiel mein Verputz, der is leicht grünlich und paßt sich schön in die Landschaft ein mit meim grünen und meim roten Dach. Bloß was ich da vorn für e Warze hab, des weiß ich net. Ich bin des Häusle vom Stationsvorsteher! schreit die Warze, wo er während seiner Dienstzeit immer drinsitzt und die Fahrpläne macht, ja, ohne mich, ja was wärt ihr denn alle zusammen, da wär kein Fahrplan mehr, keine Weichen würden rechtzeitig gstellt und kontrolliert wern, ohne mich würd hier alles zusammenbrechen, und dann nennt ihr mich die Warze? Ich bin des wichtigste Teil, ich bin des Zentrum vom ganzen Bahnhof! – Na, na, na, so eingebildet wär ich an deiner Stelle fei net. – Ich bin gar net eingebildet, ich stell nur fest, was die Tatsachen sin. Na, da mischt sich von oben die Wohnung vom Stationsvorsteher ein, wo der gute Geist seiner Frau eben auch herrscht und stiftet Frieden und sa-

Zieht den Stecker raus, Stille, die Anlage summt nicht mehr.

Ich werd müd.
Ich seh nur noch trüb.
Ich bin scho ganz alt.
Von meinem Haupt das Haar herunterwallt.
Ich werde alt und immer älter,
Und meine Gebeine werden immer kälter.
In der Kelter gärt der Wein,
Doch mein Herz, das läßt das Gären sein.
Einstmals da hat es vor Liebe geglüht,
Doch heut is die Blume verblüht.
Der Gärtner gräbt den Garten um,
Sein Rücken wird davon ganz krumm.
Die Blume kommt unter die Scholle zu liegen.
Aber die Seele, die soll ja fliegen.
Also fliegt sie zum Himmel hinauf.
Da macht der Petrus die Türe auf.
Als er das verhutzelte Geschöpf entdeckt,
Da ist er total erschreckt
Und knallt die Tür wieder zu;
Denn der Herrgott will seine Ruh.

Hat mit seinem Taschenmesser das tote Kabel durchgeschnitten, „schnitzt“ an dem Kabel.

Es gibt so Muscheln, die sehen aus wie e Felsspalte, so eweng gezackt, und wenn da ein Taucher neilangt, schnappen sie zu und lassen ein nixmehr los, und die kriegt mer a mit aller Gewalt nixmehr auf. Da hilft nur noch eins: Mer muß sich mit dem Tauchermesser den Arm abschneiden, weil die Muschel fängt den scho an zu verdauen. Und wenn mer sich des net traut, muß mer verrecken. Deswegen gibts in manchen Gegenden viele Taucher, die wo nur noch ein Arm ham oder ein Bein. Des is da Berufsrisiko.

Und was ham mir scho zu verlieren, liebe Modellbahnfreunde?

Liebe FREUNDE! Hören wir auf Modellbahnfreunde zu sein! Und werden wir richtige Freunde! Blutsbrüder!

Schluß mit der ANM! ANM ist Alles Nur Müll. Ich mache nixmehr klein. Ich mache groß!

Die größte Ungerechtigkeit is die Maßstabsgerechtigkeit!

Freunde! Jeder Fußballer weiß: 1:87 is die totale Niederlage.

Brüder! Wollt ihr 87 mal stärker sein als wie jetzt?

Dann befreit euch von eurer Anlage! Ihr habt gsehn, wie einfach daß es is: Schaltet sie einfach aus! Dreht ihr den Saft ab! Folgt meinem Beispiel, und mir können die Welt aus den Angeln heben! Gemeinsam! Empor! Hinauf! Der Sieg ist unser!

Erst aber bekennen wir: Mir sin alle verseucht. Mir stecken bis zum Hals in dere aufgeweichten klein in klein Scheiße. Mir sin nixmehr so wie damals. Damals waren Männer noch Männer ... Wie mein Vater. Nix Hanullmänner hats da geben. Des is so schad drum, daß mein Vater den Tag heut nixmehr erleben darf. Jetzt is es zu spät. Und wenn mir diesen Hanullmann net ausrotten, dann is es a für uns zu spät. Ausmerzen mit Stumpf und Stiel!

In Wirklichkeit is es ihm nie um die Modellbahn gangen. Mir ZWEI! Und jetzt hab ich bloß noch ein Bild von meim Vater.

Zieht sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche und betrachtet das Bild im Klarsichtfenster.

In Uniform. Reichsmarine. Aber ich kann dir die letzte Ehre erweisen und zur Feier des Tages dein Bild allen zeigen.

Gibt das aufgeschlagene Portemonnaie einem Zuschauer.

Bitte weitergeben.

Karl Appelmann, mit dir stirbt was aus. Du warst ein Held – nä, nä, er hat nie viel Aufhebens von sich gemacht, eher schweigsam, aber mei Mutter hat mir erzählt, daß er sich freiwillig für die Wunderwaffe gemeldet hat, Ein-Mann-Torpedo ... Gewesen. Aber er hat mir gsagt, daß noch früher auf See des Schiff immer an erster Stelle kommen is und dann die Menschen, weil des anders gar net geht. Wenn am Schiff dringend was zu machen is, und einer verletzt sich, dann muß erst das Schiff repariert wern, weil wenn des Schiff kaputt geht, dann gehen alle kaputt, und dann kann erst der Mensch geheilt wern. So versuch ich zu leben, auch.
Mit meim Vater durch die Weinberge nach oben steig ich,
Dort erstreckt die Gaulandschaft sich,
Karierte Felder, fruchtbar, so leicht wellig.
Wir überqueren sie zügig
Und kommen bald
in den Steigerwald.
Mein Vater sagt:
„Der rechte Wandrer klagt
Net über Bergauf und Bergab.
Als rechter Wanderer hab
Ich eine ruhige, gleichmäßige, aber zügige Gangart,
Die mich vor Seitenstechen aber auch Schlappmachen bewahrt.“
Rauhreif legt sich um die Äste fein,
Wir gehen in den Herbst hinein.
Des schöne Gelb
Is mir lieber
Wie gutes Geld.
Ich laß mich nieder
Und greif in die Erde. Die is dunkel und feucht
Unter den Blättern. Ein Mistkäfer fleucht
Über das Rot und das Braun.
Ich tu nix als das Blatt anschaun.
Mein Vater ruft von weither,
Ich aber hör ihn nimmermehr.
Grüne Reste und im Gelben ein Loch,
Jetzt ruft meine Mutter auch noch.
Ich schau des Blatt an,
Des hat wie Finger mit Zacken dran,
Die Stämme stehen weit auseinander dafür, daß
Es so dunkel ist, jedoch das Licht ist naß,
Weil der Sonnenschein
Kommt nur von weit
Draußen herein.
Ich bin bereit,
Daß die Sonne untergeht.
Ein kleiner Roland am Fenster steht.
Steh ich im Winter am Fenster ganz lang und starre geradeaus,
Stehn die Flocken ganz still, der Schnee is fest, und das Haus
gegenüber fliegt hoch
Und läßt alles hinter sich zurück,
Und ich selber flieg hoch
Und immer höher zu meinem Glück.
Der Winter nimmt mich, und ich falle nach oben,
Bis ich bin mit dem Nebel der Wolken verwoben.
Ich weiß nixmehr weiter.
Ich steh oben auf einer Leiter.
Plötzlich merk ich, daß sie frei steht
Und eisiger Wind mir ums Herze weht.
Und rühr ich auch nur ein Glied,
Ist das das Ende vom Lied:
Der Boden rast auf mich zu,
Ich bin zermatscht im Nu.
Die ganze Welt
Is mir vergällt.
Ich krieg einen Haß,
Tief, tief schau ich in ein Faß
Ohne Boden.
So verboten
Schaut es aus
In diesem Land voll Pein und Graus.
Ich bin ja bloß eine Maus,
Aber ich beiß mich durch die dicksten Wänd
Bis zum bittern End.
Da hab ich dann den Genuß,
Daß hinter mir des Haus zusammenkrachen muß.
Die Maus geht in ihr Loch,
Da bleibt sie eine Woch.
Und kommt sie dann net raus,
Dann is es aus
Mit der Maus.
So is das Leben
Eben.
Eben und flach.
Ach.
Erst im Tod,
Da seh ich das wirkliche Rot.
Im Tod, da is mein Leben vorbei
Und auch das ewige Einerlei.
Im Tod, da geschieht endlich was,
Die andern sagen, ich beiße ins Gras,
Dafür weiß ich:
Die ganze Zeit bemüht ich mich redlich,
Doch wenn ich ehrlich hinschau, war es vergeblich.
Und ich will eines, nur eines nicht,
Daß ich bin ein feiger Sack und kleiner Wicht,
Der sich rumdrückt und net traut,
Bloß weils ihm vorm Tode graut.
Ich seh vor mir eine große, große Morgenröte,
Und die is mein eigenes Blut.
Darin badet eine grüne Kröte
Und sagt: „Hast du Mut,
Scheu nicht die Glut!
Tauch in den Sud
Von diesem Höllenkrater,
Dann findst du deinen Vater!“
Ich rudere hinunter.
Die Lava brodelt munter.
Meile um Meile stoß ich in den Pfuhl.
Endlich! Am Grund
Hockt der Papa auf seim knorzigen Stuhl.
Er tut den Mund
auf und spricht mich an:
„Roland, mein Seemann!
Geh nach Haus in unsere Wohnung zu dem alten Zeitungsständer, wo die Illustrierten drinliegen, und nehm den Stern raus. Und in dem Stern, da sin immer so Bilder drin, a so einmal im Monat von so Mannequins, ’ß da immer die neueste Mode gezeigt wird, a so Bikini-Mode und so. Und da is ein Mannequin drin, des is, hat gar nix an, und da ’s, is, sin, aus der einen Brustwarze kommt e Schlange rausgekrochen und kriecht in die andere Brustwarze wieder nei, und unten bei der Fotze kommt sie a wieder raus und schlängelt sich so drumrum, und dann vermischt sich des alles so, und des Blut geht a plötzlich über des ganze Bild drüber. Und mitten in dem ganzen Blut is die Frau nur noch ein weißer Fleck, und der weiße Fleck wird ganz rund wern in dem großen roten Fleck und wird immer größer wern ... nn weißer Fleck mitten auf einer roten Landkarte, Deutschland is ein weißer Fleck auf der Landkarte. Deutschland ist ein weißer Fleck auf der Landkarte, und des muß sich wieder ändern, da müssen wieder Ecken nei, das muß sich wieder ändern. Deutschland muß rund sein, weiß auf rotem Grund, Deutschland muß wieder, darf nixmehr zerfließen. Deutschland muß wieder eine Fahne ham, Deutschland muß des Hakenkreuz ham. Deutschland muß wieder in eine Richtung marschieren, mer muß sich wieder zu Hause fühlen in Deutschland, des darf kein weißer Fleck mehr sein auf irgendeiner Landkarte. Mer darf nixmehr Angst ham davor, daß mer selber ein Deutscher is. Helf mir, mein Seemann! Mach, daß ich wieder zu Hause bin, und mach, daß alle Leute wieder zu Hause sin und daß sie stolz drauf sin und daß sie erhobenen Hauptes durch saubere Straßen gehn können, und daß die ganzen Neger und die Ausländer alle draußen sin! Ich brauch dich, daß in Deutschland wieder e Ruh is und e Ordnung herrscht! daß mer heiraten kann in Deutschland und daß mer Kinder ham kann und e saubere Wohnung! und daß mer sei Frau hat! und daß mer wieder zurückkehren kann nach Deutschland, ohne daß mer gejagt wird! und daß man in Deutschland, daß es da eine Heimat ist! wo man sich hinsetzen kann! und daß es da Äcker gibt! und Weinberge! und Wälder! die wo nixmehr zerstört wern! dafür sorgst du mir, daß es in Deutschland gibt, daß es kein sauren Regen mehr gibt und keine Atomkraftwerke! Heil! das machst du in Deutschland. Und wer dann nicht so denkt und fühlt wie du, der ist ein Schwein und gehört zu den Zerstörern von Deutschland! weil du liebst dein Vaterland!

Schlägt sich selbst an die Brust.

Du liebst dein Vaterland! und all die feigen Säcke, die sich nicht traun, ihr Vaterland zu lieben, das sind die Schweine! das sage ich dir mit Tränen in den Augen, und wer sich der nationalsozialistischen Bewegung nicht hingibt, wer sich, wer sich nicht anrühren läßt davon, der ist ein Schwein! der ist ein Jude! und ein Vaterlandsverräter ...“

Ein Bote aus der Heimat mit einem schönen Gruß,
Er kam zu mir von Mutter und gab mir einen Kuß.
Ein Bote aus der Heimat, er fand mein Herz aus Stein,
Und wenn es sich nicht ändern läßt, so ist es doch noch mein.
Ein Bote aus der Heimat erstarrte gar zu bald,
Und nur noch war er starr, und fern, fern war der Wald.

Pfeift die Melodie von „Ein Männlein steht im Walde, ganz still und stumm“.