Black Trash: Hyperion

_Hölderlin: Hyperion_

Friedrich Hölderlin

Hyperion

Fassung von Michael Weber und Christian Ebert

Die Frau ist das Köstlichste, was es auf der Welt gibt. Als Gefährtin der Freude, der Lust, des Gefühls, der Ideen ... hat die Frau im innersten Herzen des Mannes das Recht zu einer unangreifbaren und heiligen Verehrung.

Fidel Castro

1

the Greek

Wohl dem Manne, dem ein blühend Vaterland das Herz erfreut und stärkt! Mir ist, als würd ich in den Sumpf geworfen, als schlüge man den Sargdeckel über mir zu, wenn einer an das meinige mich mahnt, und wenn mich einer einen Griechen nennt, so wird mir immer, als schnürt’ er mit dem Halsband eines Hundes mir die Kehle zu.

Und siehe, mein Bellarmin! wenn manchmal mir so ein Wort entfuhr, wohl auch im Zorne mir eine Träne ins Auge trat, so kamen dann die weisen Herren, die unter euch Deutschen so gerne spuken, die Elenden, denen ein leidend Gemüt so gerade recht ist, ihre Sprüche anzubringen, die taten dann sich gütlich, ließen sich beigehn, mir zu sagen: klage nicht, handle!

O hätt ich doch nie gehandelt! –

2

Diotimas Tod

Es ist umsonst; ich kanns mir nicht verbergen. Wohin ich auch entflieh mit meinen Gedanken, in die Himmel hinauf und in den Abgrund, zum Anfang und ans Ende der Zeiten, selbst wenn ich – auch da, auch da finden die süßen Schrecken mich aus, die süßen verwirrenden tötenden Schrecken, daß Diotimas Tod –

Hörst du? hörst du? Diotimas Tod!

3

Brief aus dem Jenseits 1

Hyperion! o mein Hyperion!

Ich will es dir gerade sagen, was ich glaube. Dein Feuer lebt’ in mir, dein Geist war in mich übergegangen; aber das hätte schwerlich geschadet, und nur dein Schicksal hat mein neues Leben mir tödlich gemacht. Zu mächtig war mir meine Seele durch dich, sie wäre durch dich auch wieder stille geworden. Du entzogst mein Leben der Erde, du hättest auch Macht gehabt, mich an die Erde zu fesseln, du hättest meine Seele, wie in einen Zauberkreis, in deine umfangenden Arme gebannt; ach! Einer deiner Herzensblicke hätte mich fest gehalten, Eine deiner Liebesreden hätte mich wieder zum frohen gesunden Kinde gemacht; doch da dein eigen Schicksal dich in Geisteseinsamkeit, wie Wasserflut auf Bergesgipfel trieb, o da erst, als ich vollends meinte, dir habe das Wetter der Schlacht den Kerker gesprengt und mein Hyperion sei aufgeflogen in die alte Freiheit, da entschied sich es mit mir und wird nun bald sich enden.

Sieh auf in die Welt!

Bald, bald wirst du glücklicher sein.

O könnt ich dich sehn in deiner künftigen Schöne!

4

Fern und tot

Ich habe nichts, wovon ich sagen möchte, es sei mein eigen.

Fern und tot sind meine Geliebten, und ich vernehme durch keine Stimme von ihnen nichts mehr.

Mein Geschäft auf Erden ist aus. Ich bin voll Willens an die Arbeit gegangen, habe geblutet darüber, und die Welt um keinen Pfenning reicher gemacht.

Mit mir ists aus; verleidet ist mir meine eigne Seele, weil ich ihrs vorwerfen muß, daß Diotima tot ist, und die Gedanken, die ich groß geachtet, gelten mir nichts mehr. Haben sie doch meine Diotima mir vergiftet!

5

perfect world

Da ich noch ein stilles Kind war und von dem allem, was uns umgibt, nichts wußte, war ich da nicht mehr, als jetzt?

Ja! ein göttlich Wesen ist das Kind.

Es ist ganz, was es ist, und darum ist es so schön.

Der Zwang des Gesetzes und des Schicksals betastet es nicht; im Kind ist Freiheit allein.

In ihm ist Frieden; es ist noch mit sich selber nicht zerfallen. Reichtum ist in ihm; es kennt sein Herz, die Dürftigkeit des Lebens nicht. Es ist unsterblich, denn es weiß vom Tode nichts.

Aber das können die Menschen nicht leiden. Das Göttliche muß werden, wie ihrer einer, muß erfahren, daß sie auch da sind, und eh es die Natur aus seinem Paradiese treibt, so schmeicheln und schleppen die Menschen es heraus, auf das Feld des Fluchs, daß es, wie sie, im Schweiße des Angesichts sich abarbeite.

6

Zeit des Erwachens

Aber schön ist auch die Zeit des Erwachens, wenn man nur zur Unzeit uns nicht weckt.

Wie es mich umhertrieb an den Bergen und am Meeresufer! ach wie ich oft da saß mit klopfendem Herzen, auf den Höhen von Tina, und den Falken und Kranichen nachsah, und den kühnen fröhlichen Schiffen, wenn sie hinunterschwanden am Horizont! Dort hinunter! dacht ich.

Wenn nur die Schülerjahre erst vorüber wären, dacht ich oft.

Guter Junge! sie sind noch lange nicht vorüber.

7

Liebe macht einsam

O ich war ein glücklicher Knabe! Ich liebte, ich war geliebt.

Was ist Verlust, wenn so der Mensch in seiner eignen Welt sich findet? In uns ist alles. Was kümmerts dann den Menschen, wenn ein Haar von seinem Haupte fällt? Was ringt er so nach Knechtschaft, da er ein Gott sein könnte!

Das ists, das macht uns arm bei allem Reichtum, daß wir nicht allein sein können, daß die Liebe in uns, so lange wir leben, nicht erstirbt.

8

Brief aus dem Jenseits 2

Ich wußte es bald; ich konnte dir nicht Alles sein.

Die schönen Freuden unserer Liebe sänftigten dich; böser Mann! nur, um dich wilder zu machen. Sie besänftigten, sie trösteten auch mich, sie machten mich vergessen, daß du im Grunde trostlos warst, und daß auch ich nicht fern war, es zu werden, seit ich dir in dein geliebtes Herz sah.

Wir wollen uns trennen. Du hast recht.

Wem einmal, so, wie dir, die ganze Seele beleidiget war, der ruht nicht mehr in einzelner Freude, wer so, wie du, das fade Nichts gefühlt, erheitert in höchstem Geiste sich nur, wer so den Tod erfuhr, wie du, erholt allein sich unter den Göttern.

Glücklich sind sie alle, die dich nicht verstehen! Wer dich versteht, muß deine Größe teilen und deine Verzweiflung.

Lebe wohl.

9

no home

Aber sage nur niemand, daß uns das Schicksal trenne! Wir sinds, wir! wir haben unsre Lust daran, uns in die Nacht des Unbekannten, in die kalte Fremde irgend einer andern Welt zu stürzen, und, wär es möglich, wir verließen der Sonne Gebiet und stürmten über des Irrsterns Grenzen hinaus. Ach! für des Menschen wilde Brust ist keine Heimat möglich.

10

Armer Knabe

Da sah ich neulich einen Knaben am Wege liegen. Sorgsam hatte die Mutter, die ihn bewachte, eine Decke über ihn gebreitet, daß er sanft schlummre im Schatten, und ihm die Sonne nicht blende. Aber der Knabe wollte nicht bleiben, und riß die Decke weg, und ich sah wie ers versuchte, das freundliche Licht anzusehn, und immer wieder versuchte, bis ihm das Auge schmerzte und er weinend sein Gesicht zur Erde kehrte.

Armer Knabe! dacht ich, andern ergehts nicht besser, und hatte mir beinahe vorgenommen, abzulassen von dieser verwegnen Neugier. Aber ich kann nicht! ich soll nicht!

11

Uferlos

Bellarmin! es war eine Zeit, da auch meine Brust an großen Hoffnungen sich sonnte, da auch mir die Freude der Unsterblichkeit in allen Pulsen schlug, da ich wandelt unter herrlichen Entwürfen, wie in weiter Wäldernacht, da ich glücklich, wie die Fische des Ozeans, in meiner uferlosen Zukunft weiter, ewig weiter drang.

Die Heroenwelt des Plutarch, das Zauberland der griechischen Götter.

Ich liebte meine Heroen, wie eine Fliege das Licht; ich suchte ihre gefährliche Nähe und floh und suchte sie wieder.

Wer hält das aus, wen reißt die schröckende Herrlichkeit des Altertums nicht um, wenn sie ihn ergreift, wie mich, und wenn, wie mir, das Element ihm fehlt, worin er sich ein stärkend Selbstgefühl erbeuten könnte?

Wie gerne hätt ich einen Augenblick aus eines großen Mannes Leben mit Blut erkauft!

Aber was half mir das? Es wollte mich ja niemand.

Meine Insel war mir zu enge geworden. Ich hatte Jahre schon in Tina Langeweile. Ich wollt in die Welt.

Geh vorerst nach Smyrna, lerne da die Künste der See und des Kriegs, lerne die Sprache gebildeter Völker und ihre Verfassungen und Meinungen und Sitten und Gebräuche.

Nach Smyrna!

12

bright lights, big city

Mein dürftig Smyrna.

Die geselligen Städter –

Ach! wär ich nie in eure Schulen gegangen. Die Wissenschaft, der ich in den Schacht hinunter folgte, von der ich, jugendlich töricht, die Bestätigung meiner reinen Freude erwartete, die hat mir alles verdorben.

Ach! und wie heillos war das übrige alles, was ich hört und sah, wenn ich umher ging unter diesen Gebildeten. Wie überall, so waren auch hier die Männer besonders verwahrlost und verwest.

Sprach ich einmal auch vom alten Griechenland, so gähnten sie, und meinten, man hätte doch auch zu leben in der jetzigen Zeit; und es wäre der gute Geschmack noch immer nicht verloren gegangen.

Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe gründlich mich unterscheiden gelernt von dem, was mich umgibt, bin nun vereinzelt.

Aber aus bloßem Verstand ist nie Verständiges, aus bloßer Vernunft ist nie Vernünftiges gekommen.

13

lonesome

Ich lebte nun entschiedner allein, und der sanfte Geist meiner Jugend war fast ganz aus meiner Seele verschwunden. Und der schöne Trost, in Einer Seele meine Welt zu finden, mein Geschlecht in einem freundlichen Bilde zu umarmen, auch der gebrach mir.

Überhaupt war mein Herz allmählich müder geworden, und mein unbedeutend welkes Leben wollte nimmer sich erfrischen.

14

Genosse

Ich wollte noch mit mir nehmen, was ich konnte, von all dem fliehenden Leben, und so ging und ritt ich jetzt mehr, als gewöhnlich, herum im ganzen Bezirke.

Was aber mich besonders hinaustrieb, war das geheime Verlangen, einen Menschen zu sehn, der seit einiger Zeit vor dem Tore unter den Bäumen, wo ich vorbei kam, mir alle Tage begegnet war.

Er, vom Schicksal und der Barbarei der Menschen heraus, vom eignen Hause unter Fremden hin und her gejagt, von früher Jugend an erbittert und verwildert, und doch auch das innere Herz voll Liebe, voll Verlangens, aus der rauhen Hülse durchzudringen in ein freundlich Element; ich, von allem schon so innigst abgeschieden, so mit ganzer Seele fremd und einsam unter den Menschen; ich, die Antipathie aller Blinden und Lahmen, und doch mir selbst zu blind und lahm – und so voll Hoffnung, so voll einziger Erwartung eines schönern Lebens –

Mußten so in freudig stürmischer Eile nicht die beiden Jünglinge sich umfassen?

O nun war mein unbedeutend Leben am Ende!

O du, mein Freund und Kampfgenosse, mein Alabanda, wo bist du?

Zertrümmert ist er! verwittert ist der feste, schlanke Stamm, auch er. Er ist fort; er hat gewisse gute Freunde, die ihn erleichtern, die ganz eigentlich geschickt sind, jedem abzuhelfen, dem das Leben etwas schwer aufliegt; zu diesen ist er auf Besuch gegangen, und warum? weil eine Leidenschaft am Herzen ihm nagt, und für wen? für Diotima, die er noch im Leben glaubt, vermählt mit mir und glücklich – armer Alabanda! nun gehört sie dir und mir!

15

Alabanda 1

Wenn ich ein Kind ansehe, rief dieser Alabanda, und denke, wie schmählich und verderbend das Joch ist, das es tragen wird, und daß es darben wird, wie wir, daß es Menschen suchen wird, wie wir, fragen wird, wie wir, nach Schönem und Wahrem, daß es unfruchtbar vergehen wird, weil es allein sein wird, wie wir – nehmt doch eure Söhne aus der Wiege, und werft sie in den Strom, um wenigstens vor eurer Schande sie zu retten!

Gewiß! sagt ich, gewiß wird es anders.

Wodurch? erwidert’ er; die Helden haben ihren Ruhm, die Weisen ihre Lehrlinge verloren. Große Taten, wenn sie nicht ein edel Volk vernimmt, sind mehr nicht als ein gewaltiger Schlag vor eine dumpfe Stirne, und hohe Worte, wenn sie nicht in hohen Herzen widertönen, sind, wie ein sterbend Blatt, das in den Kot herunterrauscht.

Ich will, sagt ich, die Schaufel nehmen und den Kot in eine Grube werfen. Ein Volk, wo Geist und Größe keinen Geist und keine Größe mehr erzeugt, hat nichts mehr gemein, mit andern, die noch Menschen sind, hat keine Rechte mehr – willenlose Leichname! Weg mit ihnen! Er darf nicht stehen, wo er steht, der dürre faule Baum, er stiehlt ja Licht und Luft dem jungen Leben, das für eine neue Welt heranreift.

Waffenbruder! rief er, lieber Waffenbruder!

Das ist meine Melodie! zünde mir einer die Fackel an, daß ich das Unkraut von der Heide brenne! die Mine bereite mir einer, daß ich die trägen Klötze aus der Erde sprenge!

Glücklich sein, heißt schläfrig sein im Munde der Knechte. Glücklich sein! mir ist, als hätt ich Brei und laues Wasser auf der Zunge, wenn ihr mir sprecht von glücklich sein. So albern und so heillos ist das alles, wofür ihr hingebt eure Lorbeerkronen, eure Unsterblichkeit.

Das ist Freude! rief ich, das sind andre Zeiten, das ist nicht der Boden, wo das Herz des Menschen unter seines Treibers Peitsche keucht. – Bei deiner herrlichen Seele, Mensch! Du wirst mir das Vaterland erretten.

Das will ich, rief er, oder untergehn.

16

Felsenspitze

Die seligen Tage, wie Alabanda und ich sie lebten, sind wie eine jähe Felsenspitze. Und je glücklicher du bist, um so weniger kostet es, dich zu Grunde zu richten.

17

Alabanda 2 (Begeisterung)

Du räumst dem Staate zu viel Gewalt ein, sagt ich einmal. Er darf nicht fordern, was er nicht erzwingen kann. Was aber die Liebe gibt und der Geist, das läßt sich nicht erzwingen. Der weiß nicht, was er sündigt, der den Staat zur Sittenschule machen will. Das hat den Staat zur Hölle gemacht, daß ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.

Die rauhe Hülse um den Kern des Lebens und nichts weiter ist der Staat. Er ist die Mauer um den Garten menschlicher Früchte und Blumen.

Aber was hilft die Mauer um den Garten, wo der Boden dürre liegt? Da hilft der Regen vom Himmel allein.

O Regen vom Himmel! o Begeisterung! Du wirst den Frühling der Völker uns wiederbringen. Dich kann der Staat nicht hergebieten. Aber er störe dich nicht, so wirst du kommen, kommen wirst du, mit deinen allmächtigen Wonnen, in goldne Wolken wirst du uns hüllen und empor uns tragen über die Sterblichkeit – wann? Dann, wann die Lieblingin der Zeit, die jüngste, schönste Tochter der Zeit, die neue Kirche, hervorgehn wird aus diesen befleckten veralteten Formen, wann das erwachte Gefühl des Göttlichen dem Menschen seine Gottheit wiederbringen wird – ich kann sie nicht verkünden, denn ich ahne sie kaum, aber sie kömmt gewiß, gewiß. Der Tod ist ein Bote des Lebens, und daß wir jetzt schlafen in unsern Krankenhäusern, dies zeugt vom nahen gesunden Erwachen.

Wir schwelgen, begann nun Alabanda, wir töten im Rausche die Zeit.

Wir haben unsre Bräutigamstage zusammen, rief ich.

Wer von uns beiden sich zur Zufriedenheit bekehrt, sagt’ Alabanda, und träg und feig in seinen Winkel kriecht und da verkrüppelt, den fliehe, wie eine Pest, sein Weib und mit Füßen tret ihn sein Sohn, und wenn er stirbt, erscheine, wie ein Rachegeist, der Geist des bessern Freundes ihm, und mahn ihn, daß er heulend seinen Meineid noch bekennt und so vergeht!

18

Coole Profis

Ich war hingerissen von unendlichen Hoffnungen; Götterkräfte trugen, wie ein Wölkchen, mich fort –

In demselben Augenblicke traten etliche Fremden ins Zimmer, auffallende Gestalten, meist hager und blaß, ruhig, aber in ihren Mienen war etwas, das in die Seele ging, wie ein Schwert, und es war, als stünde man vor der Allwissenheit.

Besonders einer fiel mir auf. Die Stille seiner Züge war die Stille eines Schlachtfelds.

Alabanda sprang auf, wie gebogner Stahl.

Wir suchten dich, rief einer von ihnen.

Sie sind meine Freunde, sagt’ er; dies ist der Bund der Nemesis.

Sie schienen mich ziemlich scharf ins Auge zu fassen.

Das ist auch einer von denen, die es gerne besser haben möchten in der Welt, rief Alabanda.

Das ist dein Ernst? fragt’ einer mich von den Dreien.

Es ist kein Scherz, die Welt zu bessern, sagt ich.

Du hast viel mit einem Worte gesagt! rief wieder einer. Du bist unser Mann!

Ihr denkt auch so? fragt ich.

Frage, was wir tun! war die Antwort.

»Und wenn ich fragte?«

»So würden wir dir sagen, daß wir da sind, aufzuräumen auf Erden, daß wir die Steine vom Acker lesen, und Furchen graben mit dem Pflug, und das Unkraut an der Wurzel fassen, an der Wurzel es durchschneiden, samt der Wurzel es ausreißen.

Nicht, daß wir ernten möchten; uns reift die Ernte nicht mehr.

Wir sind am Abend unsrer Tage. Wir irrten oft, wir hofften viel und taten wenig. Wir wagten lieber, als wir uns besannen. Wir spielten mit dem Schicksal und es tat mit uns ein Gleiches. Es schwang uns, wie man ein glühend Rauchfaß schwingt, und wir glühten, bis die Kohle zu Asche ward. Aber es ist nicht das Schlimmste, was die Jugend überlebt. Aus heißem Metalle wird das kalte Schwert geschmiedet.

Wir sagen das nicht um unsertwillen, wir sagen es um euertwillen! Wir betteln um das Herz des Menschen nicht. Denn wir bedürfen seines Herzens, seines Willens nicht. Denn er ist in keinem Falle wider uns, denn es ist alles für uns, und die Toren und die Klugen und die Einfältigen und die Weisen und alle Laster und alle Tugenden der Roheit und der Bildung stehen, ohne gedungen zu sein, in unsrem Dienst, und helfen blindlings mit zu unsrem Ziel – nur wünschten wir, es hätte jemand den Genuß davon, drum suchen wir unter den tausend blinden Gehülfen die besten uns aus, um sie zu sehenden Gehülfen zu machen – will aber niemand wohnen, wo wir bauten, unsre Schuld und unser Schaden ist es nicht. Wir taten, was das unsre war. Wer flucht dem Baume, wenn sein Apfel in den Sumpf fällt?«

19

Unheimlich

Das sind Betrüger! riefen alle Wände meinem empfindlichen Sinne zu. Mir war, wie einem, der im Rauch ersticken will, und Türen und Fenster einstößt, um sich hinauszuhelfen.

Sie sahn auch bald, wie unheimlich mir zu Mute war, und brachen ab.

20

Betrogen

Mir war, wie einer Braut, wenn sie erfährt, daß ihr Geliebter insgeheim mit einer Dirne lebe.

Alabanda ist schlecht, dacht ich, ja, er ist schlecht. Er heuchelt grenzenlos Vertrauen und lebt mit solchen – und verbirgt es dir.

Er muß ja, das sind ja seine Menschen, er muß verschworen sein mit diesen, gegen dich! Was wollt er auch von dir? Was konnt er suchen bei dir, dem Schwärmer? O wär er seiner Wege gegangen! Aber sie haben ihren eigenen Gelust, sich an ihr Gegenteil zu machen! so ein fremdes Tier im Stalle zu haben, läßt ihnen gar gut! –

Und doch war ich unaussprechlich glücklich gewesen mit ihm, war so oft untergegangen in seinen Umarmungen, um aus ihnen zu erwachen mit Unüberwindlichkeit in der Brust, wurde so oft geläutert in seinem Feuer!

21

so long, Alabanda

Alabanda besuchte mich den andern Tag.

Wir sprachen lange kein Wort. Was willst du? fragt ich endlich.

Das kannst du fragen? erwiderte der wilde Mensch.

Was soll ich von dir denken? fing ich wieder an.

Das, was ich bin! erwidert’ er.

Du brauchst Entschuldigung, sagt ich, mit Stolz, entschuldige dich! reinige dich!

Das war zuviel für ihn.

Wie kommt es denn, rief er, daß dieser Mensch mich beugen soll, wies ihm gefällt? – Es ist auch wahr, ich war zu früh entlassen aus der Schule, ich hatte alle Ketten geschleift und zerrissen, nur Eine fehlte noch, nur eine war noch zu zerbrechen, ich war noch nicht gezüchtiget von einem Grillenfänger –

Nun brach auch mir der Unmut vollends los. Wir ruhten nicht, bis eine Rückkehr unmöglich war. Wir zerstörten mit Gewalt den Garten unsrer Liebe.

Leb wohl! rief ich endlich.

Nicht wahr, Alabanda, das ist ein sonderbarer Bettler? seinen letzten Pfenning wirft er in den Sumpf!

Wenns das ist, mag er auch verhungern, rief er, und ging.

22

Dumpf

Ja! ja! es ist recht sehr leicht, glücklich, ruhig zu sein mit seichtem Herzen und eingeschränktem Geiste. Wer ereifert sich denn, daß die bretterne Scheibe nicht wehklagt, wenn der Pfeil sie trifft, und daß der hohle Topf so dumpf klingt, wenn ihn einer an die Wand wirft?

Nur müßt ihr euch bescheiden, lieben Leute, müßt ja in aller Stille euch wundern, wenn ihr nicht begreift, daß andre nicht auch so glücklich, auch so selbstgenügsam sind, müßt ja euch hüten, eure Weisheit zum Gesetz zu machen, denn das wäre der Welt Ende, wenn man euch gehorchte.

23

Zynische Bescheidenheit

Ich lebte nun sehr still, sehr anspruchslos in Tina.

Ich ließ nun jedem gerne seine Meinung, seine Unart. Ich war bekehrt, ich wollte niemand mehr bekehren, nur war mir traurig, wenn ich sah, daß die Menschen glaubten, ich lasse darum ihr Possenspiel unangetastet, weil ich es so hoch und teuer achte, wie sie. Das ist ja ihre Freude, dacht ich, davon leben sie ja!

Oft ließ ich sogar mir gefallen, mitzumachen, und wenn ich noch so seelenlos, so ohne eignen Trieb dabei war, das merkte keiner, da vermißte keiner nichts!

Endlich schrieb ich auch nach Smyrna an Alabanda, aber keine Antwort.

Geduldig nahm ich nach und nach von allem Abschied. –

O es ist jämmerlich, so sich vernichtet zu sehn; und wem dies unverständlich ist, der frage nicht danach, und geh, und sprech in seinem Leben nimmermehr von Schmerz und Unglück.

24

Verbitterung

Was ist der Mensch? fragt ich oft; wie kommt es, daß so etwas in der Welt ist, das, wie ein Chaos, gärt, oder modert, wie ein fauler Baum, und nie zu einer Reife gedeiht? Wie duldet diesen Herling die Natur bei ihren süßen Trauben?

Zu den Pflanzen spricht er, ich war auch einmal, wie ihr! und zu den reinen Sternen, ich will werden, wie ihr, in einer andren Welt! inzwischen bricht er auseinander und treibt hin und wieder seine Künste mit sich selbst, als könnt er, wenn es einmal sich aufgelöst, Lebendiges zusammensetzen, wie ein Mauerwerk; aber es macht ihn auch nicht irre, wenn nichts gebessert wird durch all sein Tun; es bleibt doch immerhin ein Kunststück, was er treibt.

O ihr Armen, die ihr das fühlt, die ihr auch nicht sprechen mögt von menschlicher Bestimmung, die ihr auch so durch und durch ergriffen seid vom Nichts, das über uns waltet, so gründlich einseht, daß wir geboren werden für Nichts, daß wir lieben ein Nichts, glauben ans Nichts, uns abarbeiten für Nichts, um mählich überzugehen ins Nichts – was kann ich dafür, daß euch die Knie brechen, wenn ihrs ernstlich bedenkt? Bin ich doch auch schon manchmal hingesunken in diesen Gedanken, und habe gerufen, was legst du die Axt mir an die Wurzel, grausamer Geist? und bin noch da.

O! auf die Knie kann ich mich werfen und meine Hände ringen und flehen, ich weiß nicht wen? um andre Gedanken. Aber ich überwältige sie nicht, die schreiende Wahrheit. Wenn ich hinsehe ins Leben, was ist das Letzte von allem? Nichts. Wenn ich aufsteige im Geiste, was ist das Höchste von allem? Nichts.

Aber stille, mein Herz! Es ist ja deine letzte Kraft, die du verschwendest! deine letzte Kraft? und du, du willst den Himmel stürmen? damit du den Sterblichen predigest: bleibt unten, Kinder des Augenblicks! denn es ist nichts hier oben.

Das kannst du lassen, zu sehn, was über andere waltet. Dir gilt deine neue Lehre. Über dir und vor dir ist es freilich leer und öde, weil es in dir leer und öd ist.

Freilich, wenn ihr reicher seid, als ich, ihr andern, könntet ihr doch wohl auch ein wenig helfen.

Wenn euer Garten so voll Blumen ist, warum erfreut ihr Othem mich nicht auch? – Wenn ihr so voll der Gottheit seid, so reicht sie mir zu trinken. An Festen darbt ja niemand, auch der Ärmste nicht. Aber Einer nur hat seine Feste unter euch; das ist der Tod.

Not und Angst und Nacht sind eure Herren. Die sondern euch, die treiben euch mit Schlägen an einander. Den Hunger nennt ihr Liebe, und wo ihr nichts mehr seht, da wohnen eure Götter.

25

Falling ...

Freilich ging die neue Lehre mir hart ein – wer reißt auch gerne die Flügel sich aus? –

Ach! und die Seele kann immer so voll Sehnens sein, bei dem, daß sie so mutlos ist!

Ich suchte immer etwas, aber ich wagte das Auge nicht aufzuschlagen vor den Menschen. Ich hatte Stunden, wo ich das Lachen eines Kindes fürchtete.

Mitten in meinen finstern Tagen lud ein Bekannter von Kalaurea herüber mich ein.

Hier –

26

Brief aus dem Jenseits 3

Hyperion! o mein Hyperion!

Ich kann dir nach und nach alles sagen, was eine Erklärung ist, zu den Zweifeln, und den eingestandenen Streiten, die wir haben.

27

Ich kann nicht

– ich möchte sprechen können, mein Bellarmin! möchte gerne mit Ruhe – !

Sprechen?

Ich hab es heilig bewahrt! wie ein Palladium, hab ich es in mir getragen, das Göttliche, das mir erschien! und wenn hinfort mich das Schicksal ergreift und von einem Abgrund in den andern mich wirft, und alle Kräfte ertränkt in mir und alle Gedanken, so soll dies Einzige doch mich selber überleben in mir, und leuchten in mir und herrschen, in ewiger, unzerstörbarer Klarheit! –

Ich kann nicht sprechen von ihr.

Ich hab es Einmal gesehn, das Einzige, das meine Seele suchte, und die Vollendung, die wir über die Sterne hinauf entfernen, die wir hinausschieben bis ans Ende der Zeit, die hab ich gegenwärtig gefühlt. Es war da, das Höchste, in diesem Kreise der Menschennatur und der Dinge war es da!

Ich kann nicht sprechen von ihr.

Es war in der Welt, es kann wiederkehren in ihr, es ist jetzt nur verborgner in ihr. Ich hab es gesehn, ich hab es kennen gelernt.

Ich kann nicht sprechen von ihr.

28

Mit ihr!

Ich hatt ihr nichts zu geben, als ein Gemüt voll wilder Widersprüche, voll blutender Erinnerungen, nichts hatt ich ihr zu geben, als meine grenzenlose Liebe mit ihren tausend Sorgen, ihren tausend tobenden Hoffnungen; sie aber stand vor mir in wandelloser Schönheit, mühelos, in lächelnder Vollendung da, und alles Sehnen, alles Träumen der Sterblichkeit, ach! alles, was in goldnen Morgenstunden von höhern Regionen der Genius weissagt, es war alles in dieser Einen stillen Seele erfüllt.

Ja! ja! ich bin vorausbezahlt, ich habe gelebt. Mehr Freude konnt ein Gott ertragen, aber ich nicht.

O ich wär ein glücklicher, ein trefflicher Mensch geworden mit ihr!

Mit ihr! aber das ist mißlungen.

29

War sie nicht mein?

War sie nicht mein, ihr Schwestern des Schicksals, war sie nicht mein? Die reinen Quellen fodr’ ich auf zu Zeugen, und die unschuldigen Bäume, die uns belauschten, und das Tagslicht und den Aether! war sie nicht mein? vereint mit mir in allen Tönen des Lebens?

Wo ist das Wesen, das, wie meines, sie erkannte? in welchem Spiegel sammelten sich, so wie in mir, die Strahlen dieses Lichts? erschrak sie freudig nicht vor ihrer eignen Herrlichkeit, da sie zuerst in meiner Freude sich gewahr ward? Ach! wo ist das Herz, das so, wie meines, überall ihr nah war, so, wie meines, sie erfüllte und von ihr erfüllt war, das so einzig da war, ihres zu umfangen, wie die Wimper für das Auge da ist.

Eh es eines von uns beeden wußte, gehörten wir uns an.

30

... in love

Oft kam ich von Diotimas Bäumen, wie ein Siegestrunkner, oft mußt ich eilends weg von ihr, um keinen meiner Gedanken zu verraten; so tobte die Freude in mir, und der Stolz, der allbegeisternde Glaube, von Diotima geliebt zu sein.

O wer in die Stille dieses Auges gesehn, wem diese süßen Lippen sich aufgeschlossen, wovon mag der noch sprechen?

31

Dora Depri

Aber nicht lange, so war das alles, wie ein Licht, in mir erloschen, und stumm und traurig, wie ein Schatte, saß ich da.

Nein, rief mein Herz, nein, meine Diotima! Bewahre du dir deinen Frieden und laß mich meinen Gang gehn. Laß dich in deiner Ruhe nicht stören, holder Stern! wenn unter dir es gärt und trüb ist.

Das ist ja meine Freude! daß du in dir den sorgenfreien Himmel trägst. Du sollst nicht dürftig werden, nein, nein! du sollst in dir die Armut der Liebe nicht sehn.

Sie mußte ja über mich kommen, diese Verzweiflung, daß das Herrliche, was ich liebte, so herrlich war, daß es mein nicht bedurfte.

Weil sie den Himmel noch im Herzen trug, und nicht sich selbst verloren hatte, wie ich, nicht eines andern Wesens bedurfte, um die verödete Stelle auszufüllen, weil sie nicht unterzugehen fürchten konnte, wie ich, und sich mit dieser Todesangst an ein anderes zu hängen, wie ich.

32

pay-tv

Ich will immer mehr von meiner Seligkeit erzählen, will von allen Seligkeiten mir die seligste aus dem Grabe beschwören.

Ich kannte mit jedem Tage mich weniger.

Ich staunte, träumte.

Ach! mir wollte das heilige namenlose Verlangen oft die Brust zerreißen.

Ich hätte fliegen mögen, so trieb mein Herz mich vorwärts; aber es war, als hätt ich Blei an den Sohlen. Ich hörte nicht mehr und vor dem Auge dämmerten und schwankten alle Gestalten.

Und nun stand ich vor ihr, atemlos und wankend, und drückte die verschlungnen Arme gegen mein Herz, sein Zittern nicht zu fühlen, und, wie der Schwimmer aus reißenden Wassern hervor, rang und strebte mein Geist, nicht unterzugehn in der unendlichen Liebe.

Ach! heiße zitternde Wonne durchlief mein Wesen und Taumel und Toben war in allen Sinnen, und die Hände brannten mir, wie Kohlen, da ich sie berührte.

Es ist hier eine Lücke in meinem Dasein. Ich starb, und wie ich erwachte, lag ich am Herzen des himmlischen Mädchens.

Was ist alles, was in Jahrtausenden die Menschen taten und dachten, gegen Einen Augenblick der Liebe?

Und nun kein Wort mehr, Bellarmin!

33

Yeah!

Und die Allwissenheit, womit wir uns durchschauten, und der unendliche Glaube, womit wir uns verherrlichten!

Ja! eine Sonne ist der Mensch, allsehend, allverklärend, wenn er liebt, und liebt er nicht, so ist er eine dunkle Wohnung, wo ein rauchend Lämpchen brennt.

34

Das reizende Bekenntnis (possession)

Mitten in all dem seligen unverhaltnen Geben und Nehmen fühlt ich einmal, daß Diotima stiller wurde und immer stiller.

Ich fragt und flehte; aber das schien nur mehr sie zu entfernen, endlich flehte sie, ich möchte nicht mehr fragen, möchte gehn, und wenn ich wiederkäme, von etwas anderm sprechen. Das gab auch mir ein schmerzliches Verstummen, worein ich selbst mich nicht zu finden wußte.

Mein verwöhnter untröstlicher Sinn wollt immer offenbare gegenwärtige Liebe. Ach! Ich hatte keine Ruhe, ich flehte wieder, mit Ungestüm und Demut, zärtlich und zürnend, mit ihrer ganzen allmächtigen bescheidnen Beredsamkeit rüstete die Liebe mich aus und nun – o meine Diotima! nun hatt ich es, das reizende Bekenntnis, nun hab ich und halt es.

Und wie sie bekannte, wie sie mit Tränen bekannte, sie liebe zu sehr, und wie sie Abschied nahm von allem, was sie sonst am Herzen gewiegt, o wie sie rief: abtrünnig bin ich geworden von Mai und Sommer und Herbst, und achte des Tages und der Nacht nicht, wie sonst, gehöre dem Himmel und der Erde nicht mehr, gehöre nur Einem, Einem, aber die Blüte des Mais und die Flamme des Sommers und die Reife des Herbsts, die Klarheit des Tags und der Ernst der Nacht, und Erd und Himmel ist mir in diesem Einen vereint! so lieb ich! – ha! wie das göttliche Haupt, sterbend in Wonne, mir am offnen Halse herabsank –

Ich seh, ich sehe, wie das enden muß. Das Steuer ist in die Woge gefallen und das Schiff wird, wie an den Füßen ein Kind, ergriffen und an die Felsen geschleudert.

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criminal in my heart

Was ich war, war ich durch sie.

Warum konnt es nicht so bleiben? warum mußt ich an mich denken?

Es war ein Brief von Alabanda gekommen.

»Es regt sich, Hyperion, Rußland hat der Pforte den Krieg erklärt; man kommt mit einer Flotte in den Archipelagus; die Griechen sollen frei sein, wenn sie mit aufstehn, den Sultan an den Euphrat zu treiben. Die Griechen werden das Ihre tun, die Griechen werden frei sein.

Bist du noch der Alte, so komm! Du findst mich in dem Dorfe vor Koron, wenn du den Weg von Misistra kömmst.

Die Menschen, die du in Smyrna bei mir kennen lerntest, hab ich verlassen.

Mich verlangt, uns Beede in dem neuen Leben wiederzusehn.

Du mochtest im Sumpfe nicht schwimmen. Komm nun, komm, und laß uns baden in offener See!«

Diotimas Erblassen, da sie Alabandas Brief las, ging mir durch die Seele.

O ihr Gewaltsamen! rief Diotima, die ihr so schnell zum Äußersten seid!

Wer Äußerstes leidet, sagt ich, dem ist das Äußerste recht.

Wenns auch recht ist, sagte sie, du bist dazu nicht geboren.

So scheint es, sagt ich; ich hab auch lange genug gesäumt.

Ich bin zu müßig geworden, zu friedenslustig, zu himmlisch, zu träg! – Hab ich ein Bewußtsein? hab ich ein Bleiben in mir? Hier, gerad in solcher Arbeit muß ich es erbeuten.

Das ist eitel Übermut! sagt’ Diotima.

Ich will nicht zusehn, wo es gilt, rief ich, will nicht umhergehn und die Neuigkeit erfragen, wann Alabanda den Lorbeer nimmt.

Es werde von Grund aus anders!

In der Werkstatt, in den Häusern, in den Versammlungen, in den Tempeln, überall werd es anders!

Aus der Wurzel der Menschheit sprosse die neue Welt!

Der neue Geisterbund kann in der Luft nicht leben, die heilige Theokratie des Schönen muß in einem Freistaat wohnen, und der will Platz auf Erden haben und diesen Platz erobern wir gewiß.

Du wirst erobern, rief Diotima, und vergessen, wofür? wirst, wenn es hoch kommt, einen Freistaat dir erzwingen und dann sagen, wofür hab ich gebaut? es wird verzehrt sein, all das schöne Leben, das daselbst sich regen sollte, wird verbraucht sein selbst in dir! Der wilde Kampf wird dich zerreißen, schöne Seele, du wirst altern, seliger Geist! und lebensmüd am Ende fragen, wo seid ihr nun, ihr Ideale?

Das ist grausam, Diotima, rief ich, so ins Herz zu greifen, so an meiner eignen Todesfurcht, an meiner höchsten Lebenslust mich festzuhalten, aber nein! nein! nein! der Knechtsdienst tötet, aber gerechter Krieg macht jede Seele lebendig. Das, das gibt erst dem Menschen seine ganze Jugend, daß er Fesseln zerreißt! – Altern sollt ich, Diotima! wenn ich Griechenland befreie? altern, ärmlich werden, ein gemeiner Mensch?

- Ja! sanft zu sein, zu rechter Zeit, das ist wohl schön, doch sanft zu sein, zur Unzeit, das ist häßlich, denn es ist feig!

»Lieber! Lieber! sei doch still! ich sage dir kein Wort mehr. Du sollst gehn, sollst gehen, stolzer Mensch! Wenn du so bist, hab ich keine Macht, kein Recht auf dich. Das beste ist, du gehst, denn es ist größer. Handle du; ich will es tragen.«

Sie weinte bitter und ich stand, wie ein Verbrecher, vor ihr.

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the long good-bye

Nun kam der Tag des Abschieds. –

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Brief aus dem Jenseits 4

Mein Hyperion. Mitten in meiner Liebe schaudert mich oft, den sanften Jüngling, der zu meinen Füßen geweint, in dieses rüstige Wesen verwandelt zu sehn.

Wirst du denn nicht die Liebe verlernen?

Aber wandle nur zu! Ich folge dir. Ich glaube, wenn du mich hassen könntest, würd ich auch da sogar dir nachempfinden, würde mir Mühe geben, dich zu hassen und so blieben unsre Seelen sich gleich und das ist kein eitelübertrieben Wort, Hyperion.

Lebe wohl! vollende, wie es der Geist dir gebeut! und laß den Krieg zu lange nicht dauern, um des Friedens willen, um des schönen, neuen Friedens willen.

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Bellarmin! –

 

Feldpost 1: Old Alabanda

Ich bin erwacht aus dem Tode des Abschieds, meine Diotima! gestärkt, wie aus dem Schlafe, richtet mein Geist sich auf.

Ich schreibe dir von einer Spitze der Epidaurischen Berge. Da dämmert fern in der Tiefe deine Insel, Diotima! und dorthinaus mein Stadium, wo ich siegen oder fallen muß. O Peloponnes! o ihr Quellen des Eurotas und Alpheus! Da wird es gelten!

Ich bin jetzt mitten im Peloponnes.

Voll rächerischer Kräfte ist das Bergvolk hieherum, liegt da, wie eine schweigende Wetterwolke, die nur des Sturmwinds wartet, der sie treibt. Diotima! laß mich den Othem Gottes unter sie hauchen, laß mich ein Wort von Herzen an sie reden, Diotima. Ich kenne die rohe Natur. Sie höhnt der Vernunft, sie stehet aber im Bunde mit der Begeisterung. Wer nur mit ganzer Seele wirkt, irrt nie. Keine Macht ist wider ihn.

Morgen bin ich bei Alabanda.

Der königliche Jüngling! Ich kann den Unterschied nicht leiden, der zwischen uns ist.

Ich bin überreif zur Arbeit.

Hohes Mädchen! wie konnt ich bestehen vor dir? Wie war dirs möglich, so ein tatlos Wesen zu lieben?

Ich hab ihn, Diotima!

Die Gestalt des Teuren ist sehr anders geworden seit den Tagen der Hoffnung. Wie die Mittagssonne vom bleichen Himmel, funkelt sein großes ewiglebendes Auge vom abgeblühten Gesichte mich an.

Ich weiß es wohl, rief Alabanda, ich bin herabgekommen. Du bist mir über den Kopf gewachsen, du bist freier und stärker, wie ehmals. Ich bin das dürre Land und du kommst, wie ein glücklich Gewitter – o es ist herrlich, daß du da bist!

Wirds denn bald angehn? sagt ich.

Es wird, rief er, und es soll ein ziemlich Feuer werden – und stoße dich nur an unsern Bundsgenossen nicht. Die Russen möchten uns gerne, wie Schießgewehre, brauchen. Aber haben nur erst wir den Peloponnes erobert, so lachen wir dem Nordpol ins Angesicht und bilden uns ein eigenes Leben.

Alles für jeden und jeder für alle!

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Feldpost 2: Alles für jeden und jeder für alle!

O Diotima! dieser Alabanda hat geweint vor mir, hat wie ein Kind, mirs abgebeten, was er mir in Smyrna getan.

Wer bin ich dann, ihr Lieben, daß ich mein euch nenne, daß ich sagen darf, sie sind mein eigen, daß ich, wie ein Eroberer, zwischen euch steh und euch, wie meine Beute, umfasse.

O Diotima! o Alabanda!

Alles für jeden und jeder für alle!

Der Vulkan bricht los. In Koron und Modon werden die Türken belagert und wir rücken mit unserem Bergvolk gegen den Peloponnes hinauf.

Nun hat die Schwermut all ein Ende, Diotima.

Mit der Sonne beginn ich. Da geh ich hinaus, wo im Schatten des Walds mein Kriegsvolk liegt. Ein erwachendes Heer!

Dann sammelt mein Haufe sich um mich.

Dann üb ich sie in Waffen und Märschen bis um Mittag.

Drauf, wenn die Sonne heißer scheint, wird Rat gehalten im Innern des Walds. Wir nehmen dem Zufall die Kraft, wir meistern das Schicksal.

O Diotima, könnten wir das schaffen, was du bist!

Alles für jeden und jeder für alle!

Wir haben jetzt dreimal in Einem fort gesiegt. Navarin ist unser und wir stehen jetzt vor der Feste Misistra, dem Überreste des alten Sparta.

Mein Alabanda blüht, wie ein Bräutigam. Aus jedem seiner Blicke lacht die kommende Welt mich an.

Und nun möcht ich dich sehen, o Mädchen! sehen möcht ich dich und deine Hände nehmen und an mein Herz sie drücken! Bald! in einer Woche vielleicht ist er befreit, der alte, edle, heilige Peloponnes.

Alles für jeden und jeder für alle!

O Mädchen! stille zu stehn, ist schlimmer, wie alles.

Ich weiß nicht, es kann nur noch einige Tage dauern, so muß Misistra sich ergeben, aber ich wollte, wir wären weiter. Im Lager hier ists mir, wie in gewitterhafter Luft. Ich bin ungeduldig, auch meine Leute gefallen mir nicht. Es ist ein furchtbarer Mutwill unter ihnen.

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Feldpost 3: Finsternis

In der Tat! es war ein außerordentlich Projekt, durch eine Räuberbande mein Elysium zu pflanzen.

Unsre Leute haben geplündert, gemordet, ohne Unterschied, auch unsre Brüder sind erschlagen, die Griechen in Misistra, die Unschuldigen, oder irren sie hülflos herum.

An allen Enden brechen wütende Haufen herein; wie eine Seuche, tobt die Raubgier und wer nicht auch das Schwert ergreift, wird verjagt, geschlachtet und dabei sagen die Rasenden, sie fechten für unsre Freiheit.

Es ist aus, Diotima!

Wie es weiter werden soll, das weiß ich nicht. Von dir verbannt mich meine eigene Scham.

So will ich noch auf eine Zeitlang Dienste nehmen bei der russischen Flotte; denn mit den Griechen hab ich weiter nichts zu tun.

O teures Mädchen! es ist sehr finster um mich geworden!

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Feldpost 4: Trennung

Ich habe gezaudert, gekämpft, Diotima. Doch endlich muß es sein.

Ich sehe, was notwendig ist, und weil ich es sehe, so soll es auch werden. Ich muß dir raten, daß du mich verlässest, meine Diotima.

Ich bin für dich nichts mehr! Dies Herz ist dir versiegt, und meine Augen sehen das Lebendige nicht mehr.

Soll ich deine Liebe, wie ein Almosen, besitzen? – Ich bin so gar nichts. Ich bin verbannt, ein gemeiner Rebell.

Nun laß dich nur das Mitleid nimmer irre führen. Glaube mir, es bleibt uns überall noch eine Freude. Der echte Schmerz begeistert. Wer auf sein Elend tritt, steht höher.

Nein! nein! du fändest ewig keinen Frieden bei Hyperion, du müßtest untreu werden und das will ich dir ersparen.

Und so lebe denn wohl, du süßes Mädchen! lebe wohl! – Ach! ich weiß nicht, was ich tue. Weh über mich! ich richte meine letzte Freude zu Grunde. Aber es muß sein. Ich bins dir schuldig.

Noch Einmal möcht ich wiederkehren an deinen Busen, wo es auch wäre! Aehteraugen! Einmal noch mir wieder begegnen in euch! – aber höre das nicht! ich bitte dich, achte das nicht! Du weißt, wie tief du mich achtest, wenn du mich nicht bedauerst, mich nicht hörst.

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Feldpost 5: suicide road

O Erde! meine Wiege! alle Wonne und aller Schmerz ist in dem Abschied, den wir von dir nehmen.

Aber das Sonnenlicht, das eben widerrät die Knechtschaft mir, das läßt mich auf der entwürdigten Erde nicht bleiben.

Wie sollt ich dann mich scheun, den sogenannten Tod zu suchen? hab ich nicht tausendmal mich in Gedanken befreit, wie sollt ich denn anstehn, es Einmal wirklich zu tun?

Morgen schlägt sich unsre Flotte und der Kampf wird heiß genug sein, und ich werde wohl finden, was ich wünsche. Und so hätt ich doch am Ende durch meinen Feldzug etwas erreicht und sehe, daß unter Menschen keine Mühe vergebens ist.

Fromme Seele! ich möchte sagen, denke meiner, wenn du an mein Grab kömmst. Aber sie werden mich wohl in die Meersflut werfen. O Diotima! Diotima! wann sehn wir uns wieder?

Auch die Bäume grüße, wo ich dir zum ersten Male begegnete und die fröhlichen Bäche, wo wir gingen und die schönen Gärten von Angele, und laß, du Liebe! dir mein Bild dabei begegnen. Lebe wohl.

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Die Schlacht der Entscheidung

Es war ein rachetrunknes schreckliches Getümmel.

Voll heißen Unmuts, daß ich Besseres nicht wußte, denn mich schlachten zu lassen in einem Gedränge von Barbaren, stürmt ich hin, wo mir der Tod gewiß war.

Aber sie wollten mich nicht. Sie sahen mich an, wie einen, an dem man sich zu versündigen fürchtet.

Aus höchster Notwehr hieb denn endlich einer auf mich ein, und traf mich, daß ich stürzte.

Sechs Tage nach der Schlacht lag ich in einem peinlichen todähnlichen Schlaf. Das Erste, was ich wieder erkannte, war Alabanda.

Die beiden Schiffe, die den Kampf begonnen, sagt’ er, seien in die Luft geflogen, den Augenblick darauf, nachdem er mich in einem Boote weggebracht, die Russen hätten die ganze türkische Flotte verbrannt.

Diotima!

Ich hab es bis aufs Äußerste getrieben.

Ich habe sehr undankbar an der mütterlichen Erde gehandelt, und ach! wie tausendmal undankbarer an dir! Ich wollte sterben, Diotima, und ich glaubt, ein heilig Werk zu tun. Aber wie kann das heilig sein, was Liebende trennt? –

Nicht wahr, du Teure! noch ist meine Rückkehr nicht zu spät, und du nimmst mich wieder auf und kannst mich wieder lieben, wie sonst? nicht wahr, noch ist das Glück vergangner Tage nicht für uns verloren?

Willst du, so komm ich gleich und wir küssen Kalaureas Ufer und trocknen die Tränen uns ab, und eilen über den Isthmus hinein ans Adriatische Meer, von wo ein sicher Schiff uns weiter bringt.

In Griechenland ist meines Bleibens nicht mehr.

Entscheide nun mein Schicksal, teures Mädchen, und bald! –

44

Der Kranke

Es ist schön, daß der Kranke nichts ahndet, wenn der Tod ihm schon ans Herz gedrungen ist.

Ich erhielt den Unglücksbrief.

45

Notara

Kalaurea.

Den Tag, nachdem Diotima dir zum letzten Mal geschrieben, wurde sie ganz ruhig, sagte dann, daß sie lieber möcht im Feuer von der Erde scheiden, als begraben sein, und ihre Asche sollten wir in eine Urne sammeln. Bis gegen Morgen hörten wir sie atmen. Da es dann ganz stille wurde, ging ich hin zu ihr und lauschte.

O Hyperion! Es war aus und unsre Klagen weckten sie nicht mehr.

46

Zombie

Es ist alles vorbei.

So dacht ich.

Ein Fremdling bin ich, wie die Unbegrabnen, wenn sie herauf vom Acheron kommen, und kein Gott knüpft ans Vergangne mich mehr.

So dacht ich.

Ja! es ist alles vorbei.

So dacht ich.

47

Unter Deutschen

So kam ich unter die Deutschen.

Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin! waren meine Tröster.

Die Tugenden der Deutschen sind ein glänzend Übel; Notwerk, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die den Mißlaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der toten Ordnung dieser Menschen.

Voll Lieb und Geist und Hoffnung wachsen seine Jünglinge dem deutschen Volk heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäete, daß er nimmer einen Grashalm treibt; und wenn sie sprechen, wehe dem!

Wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zweck, da sucht es seinen Nutzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott!

Wüster immer, öder werden da die Menschen, die doch alle schöngeboren sind; der Knechtssinn wächst, mit ihm der grobe Mut, der Rausch wächst mit den Sorgen, und mit der Üppigkeit der Hunger und die Nahrungsangst; zum Fluche wird der Segen jedes Jahrs und alle Götter fliehn.

Und wehe dem Fremdling, der zu solchem Volke kömmt, und dreifach wehe dem, der, so wie ich, von großem Schmerz getrieben, zu solchem Volke kömmt! –

Genug!

48

gimme shelter

Ich möchte mir so gerne sagen, daß ich Diotima wiederfinden werde in irgendeiner fernen Welt des ewigen Daseins. – Ewiges Dasein? was nenne ich so?

Wirklich! wie ich jetzt bin, hab ich keinen Namen für die Dinge und es ist mir alles ungewiß.

Bellarmin! und nun sage mir, wo ist noch eine Zuflucht?

Und nun sage mir, wo ist noch Zuflucht?

49

Diotima’s song

Hyperion! o mein Hyperion!

Wenn aus der Ferne, da wir geschieden sind,
    Ich dir noch kennbar bin, die Vergangenheit
        O du Theilhaber meiner Leiden!
            Einiges Gute bezeichnen dir kann,

So sage, wie erwartet die Freundin dich?
    In jenen Gärten, da nach entsezlicher
        Und dunkler Zeit wir uns gefunden?
            Hier an den Strömen der heilgen Urwelt.

Das muß ich sagen, einiges Gutes war
    In deinen Bliken, als in den Fernen du
        Dich einmal fröhlich umgesehen
            Immer verschlossener Mensch, mit finstrem

Aussehn. Wie flossen Stunden dahin, wie still
    War meine Seele über der Wahrheit daß
        Ich so getrennt gewesen wäre?
            Ja! ich gestand es, ich war die deine.

Wahrhafftig! wie du alles Bekannte mir
    In mein Gedächtniß bringen und schreiben willst,
        Mit Briefen, so ergeht es mir auch
            Daß ich Vergangenes alles sage.

Wars Frühling? war es Sommer? die Nachtigall
    Mit süßem Liede lebte mit Vögeln, die
        Nicht ferne waren im Gebüsche
            Und mit Gerüchen umgaben Bäum’ uns.

In meinen Armen lebte der Jüngling auf,
    Der, noch verlassen, aus den Gefilden kam,
        Die er mir wies, mit einer Schwermuth,
            Aber die Nahmen der seltnen Orte

Und alles Schöne hatt’ er behalten, das
    An seeligen Gestaden, auch mir sehr werth
        Im heimatlichen Lande blühet
            Oder verborgen, aus hoher Aussicht,

Allwo das Meer auch einer beschauen kann,
    Doch keiner seyn will. Nehme vorlieb, und denk
        An die, die noch vergnügt ist, darum,
            Weil der entzükende Tag uns anschien,

Der mit Geständniß oder der Hände Druk
    Anhub, der uns vereinet. Ach! wehe mir!
        Es waren schöne Tage. Aber
            Traurige Dämmerung folgte nachher.

Du seiest so allein in der schönen Welt
    Behauptest du mir immer, Geliebter! das
        Weist aber du nicht,

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Nächstens mehr

Nächstens mehr.

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