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Die neue Gorgone

Formlose
Anmerkungen
zur Unschuldsmiene
unserer Hemisphäre

Frank-Patrick Steckel

Geht in die Kammer
Und eine neue Gorgo starrt zu Stein euch
Fragt nichts Geht seht und fragt euch selber dann

Shakespeare, Macbeth

Als Unschuldsmiene wird ein physiognomischer Ausdruck im zwischenmenschlichen Verkehr angesprochen, welcher den Zweck verfolgt, eine Schuld, eine eigene oder eine fremde, die wie eine eigene empfunden wird, zu verbergen. Jemand mag sich schuldig machen oder gemacht haben, der Träger der Unschuldsmiene will es nicht gewesen sein oder den Schuldigen nicht kennen, ja oftmals will er auch von einer Schuld nichts wissen.

Das Drama der Unschuldsmiene beruht auf der ihr innewohnenden Möglichkeit, ja Aufforderung, sie zu durchschauen. Man sagt, die Unschuldsmiene werde »aufgesetzt«, was ihrem Wesen als einer Maske entspricht.

Ohne Schuld keine Unschuldsmiene.

Wir wollen hier also unter »Unschuldsmiene« denjenigen Ausdruck verstehen, dessen täuschende Intention offensichtlich ist. Unter »Schuld« soll verstanden werden, was immer man darunter verstehen mag.

Der Lügendetektor wurde erfunden, um das Schuldgefühl im Körper zum Zeugen gegen den Unschuldstrug an seiner Oberfläche anzurufen, wenn dieser sich als allzu undurchdringlich erweist. Aber der Lügendetektor hat sich als fehlerhaft erwiesen.

Wie kann die Unschuldsmiene hoffen, zum Ziel zu kommen? Sie vertraut auf den Bluff. Als Erfinder von dessen christlicher Version darf, Luther zufolge, Kain angesehen werden. Sie konnte Kain nicht glücken, weil der Christengott der Erfinder des Erfinders war.

Der Bluff, wenn er GOTT IST TOT gelingt, bewirkt, daß gerade der offenkundige Charakter der Schuld den Träger der Unschuldsmiene freispricht, denn wie dürfte dieser es wagen, sie aufzusetzen, wäre er der tatsächlich Schuldige! Das Gelingen des Unschuldsmienen-Bluffs setzt die Offenkundigkeit der Schuld paradoxal voraus.

Wiederholtes Gelingen des Bluffs führt zur Routine. Hat sie eingesetzt, wird die allgemeine Schuldeinsichtsfähigkeit gemindert. Die Maske der Unschuldsmiene wächst hinein in die Haut.

Die Unschuldsmiene unserer Hemisphäre: Davon zu sprechen bedeutet, von der Schuld unserer Hemisphäre zu sprechen. Diese Schuld ist von brutaler Evidenz.

Von ihr künden die tagtäglichen Unschuldsmienen der Aufsichtsräte, Chefärzte, Discjockeys, Versicherungsagenten, Autovertreter, Immobilienmakler, Richter, Gentechniker, Hausbesitzer, Konzernherren, Künstler, Zeitungsfritzen, Senatoren, Talkmaster, Verkehrsexperten, Polizeikommissare, Computertechniker, Shareholder, Spitzensportler, Joggingschuhfabrikanten, Fernsehköche, Kongreßmitglieder, Parteivorstände, Intendanten, Ministerpräsidenten, Ingenieure, Popstars, Waffenhändler, Gewerkschaftsbosse, Pfarrer, Raumfahrtexperten, Devisenhändler, Wissenschaftler, Werbefachleute, Analysten, Anwälte, Spekulanten, Abgeordneten, Fotomodelle, Wirtschaftsexperten, Tennisspieler, Akademiker, Nobelpreisträger. Aus ihrer aller und vieler anderer alltäglichen Harmlosigkeitsmaskerade formt sich die unerschütterliche Unschuldsmiene unserer Hemisphäre.

Wenn hier von dieser Unschuldsmiene als einem modernen Gorgonenantlitz die Rede sein soll, dann im Sinne der durch sie hervorgerufenen gesellschaftlichen Lähmung, mitweltlichen Versteinerung, sozialen Apathie.

Die Gorgo Medusa war die sterbliche der drei erschreckenden Töchter des Phorkys und der Keto. Wer sie ansah, dem ging, Aischylos zufolge, der Atem aus, und auf der Stelle erstarrte er zu Stein. Der Held Perseus mußte dem König Polydektes versprechen, ihm das Haupt der Medusa zu bringen.

Perseus vermied die tödliche Wirkung des Blickes der Gorgo Medusa, in dem er, während er sie erschlug, nur ihr Spiegelbild auf der polierten Innenfläche seines Schilds ansah. Den Rat hatte ihm Athene gegeben. Später trug sie das abgeschlagene Haupt als Schmuck auf der Brust. Es hatte seine bannende Wirkung nicht verloren. Die Stadtgöttin trug das Emblem des existenziellen Schreckens gewissermaßen vor sich her. So stiftete es städtischen Zusammenhalt. Wer sie ansah, auf den konnte das Haupt seine furchtbare Wirkung auch dann nicht verfehlen, wenn die Aura der klugen Göttin, wie wir uns wohl denken können, sie mäßigte. So können wir uns die Stadt, der die Göttin den Namen gab, füglich als eine Versammlung von in diesem Schrecken Gebannten vorstellen. War diese irrationale Bannung die Voraussetzung der Stadt?

Uns Götterverlassenen ist nur die Stadt geblieben. Das Haupt der Gorgo bleckt uns nicht länger den Schrecken und die Not unserer existenziellen Ungewißheit ins Gesicht, vor der wir versteinern. Es gleicht nunmehr dem Kopf einer Fernsehansagerin. Alle Unschuldsmienen schießen in dieser einen Maske zusammen.

An Stelle der Schlangenhaare, der aufgerissenen Augen, der Hauer und der heraushängenden oder herausgestreckten Zunge finden sich die raffinierte Frisur, die Schminke, das makellose Gebiß und das bodenlose Dauerlächeln. Verschwunden aller jenseitige Schrecken. Der bemalte Mund spricht nicht von unserer Seinsnot, sondern von Arbeitslosenzahlen, Flugzeugabstürzen, Parteienzank, Waldbränden, Attentaten, Autokarambolagen und Mordfällen und Sportereignissen. Noch scheinen die Augen uns anzustarren. In Wahrheit starren sie in den zeitgenössischen Schild des Perseus, die Linse einer Kamera. Sie sehen nicht uns.

Die Unschuldsmiene der Nachrichtensprecherin, hinter welcher die Schuld unserer Hemisphäre sich ansammelt und verbirgt, ist an die Stelle der göttlichen Grimasse getreten, die uns unserer Seinsschuld überführte. Wir blicken in den Spiegel unserer provinziellen Diesseitsvorstellungen und perfiden Perfektionsbedürfnisse. Jegliche wilde Transzendenz ist dem, was uns da anlächelt, abhanden gekommen.

Wirkte das fratzenhafte Gorgonenhaupt noch, als sei es von dem Lebensschrecken, den es aufrief, selbst höhnisch erfaßt, so wirkt das geschönte Haupt der Nachrichtensprecherin von solchen Dingen unberührt, wie herangezogen in einem Laboratorium jenseits solchen Schreckens. Das Verführerische an dieser obszönen Lüge – die Nachrichtensprecherin lebt ja in eben der Welt, in der dieser Seinsschrecken seinen Ort haben sollte, ohne welche er nicht bestünde – liegt darin, daß sie die Existenz einer brave new world suggeriert, die keine unlösbaren Probleme, keine unbeanwortbaren Fragen mehr kennt und uns signalisiert, daß es diese Welt ist, in der wir leben. Gegen die Arbeitslosigkeit hilft ja Arbeitswille und Beschäftigung, gegen den Flugzeugabsturz technische Vervollkommnung, gegen den Parteienzank der Interessenausgleich, gegen den Waldbrand der Feuerwehrmann, gegen den Attentäter der Geheimdienst, gegen den Autocrash besonnenes Fahren und im Mordfall hilft die Polizei. Die Sportereignisse gar helfen gegen alles, in dem sie von allem ablenken.

Eine entnervte, Tränen vergießende, mit zerrauftem Haar und zerrissener Kleidung vor die Kamera tretende, bleiche Nachrichtensprecherin, die kaum ein Wort noch hervorzuwürgen im Stande wäre, deren verzweifeltem Gestammel der überraschte Fernsehbürger nur noch entnehmen könnte, »daß sie es nicht mehr aushielte ... die Armut ... den Hunger ... die Gewalt ... die Ungerechtigkeit ... die Gier der Reichen« – eine solche Erscheinung ist ebenso undenkbar wie ein Politiker, der nicht lügt oder ein fliegender Elefant.

Alles nimmt hingegen die Unschuldsmiene satten Behagens und äußerster Gefahrlosigkeit an. Die ausgesuchte Kleidung der Sprecherin, der Hauch unbetroffener sozialer und menschlicher Überlegenheit DER JOURNALIST ALS ÜBERMENSCH, der getönte Hintergrund, von dem sie sich abhebt, die Architektur des Raums, in dem sie sich befindet, sein futuristisch anmutendes »Design«, das Licht, das in ihm herrscht, die Fanfare, die uns das Erscheinen der neuen Gorgo ankündigt – nichts davon gemahnt noch an den unauflösbaren inneren Schrecken, den das Haupt der Phorkystochter uns zu bereiten vermochte. Perseus verbarg den abgeschlagenen Kopf in einer besonderen Tasche, der Kibisis, wir haben die Flimmerkiste. An die Stelle des einen, allem Leben zu Grunde liegenden Schreckens aus uns unbekannter Ursache sind die vielen großen und kleinen Katastrophen getreten, deren Urheber im Letzten – wir selbst sind. Tendenziell, denken wir, können wir sie beheben, wie die Lanze des Achill die Wunden heilte, die sie schlug. Das tröstet uns, und wir strecken uns, schieben die Behebung auf und lassen uns ablenken.

ZWANZIG MILLIONEN GETÖTETE HÜHNER UND PUTEN. WIR KOMMEN ZUM SPORT. Die aggressive Totalität der Unschuldsmiene unterwirft sich selbstverständlich auch die hin und wieder unvermeidlichen gewalttätigen Bilder der Schuld aus der Tier- und Menschenwelt. Sie wirken wie kurze, eigentlich unerlaubte Blicke in ein verwüstetes Zimmer, einen Brunnen voller Leichen, ein blutverschmiertes Waschbecken, einen schmutzigen Stall oder einen Schlachthof. Rasch ziehen wir uns zurück ins keimfrei gemachte Sendelokal, das bereits ein Ort unserer Seele wurde, die häßlichen Bilder verdunsten, ein Unschuldsmienenlächeln erleichtert uns das Vergessen, das Schlimmste hat man uns sowieso erspart – wir kommen zur Börse, zum Sport, zum Wetter.

Ist der eine universale Schrecken erst einmal aus der Welt geschafft und die Ehrfurcht vor dem Universum bestenfalls eine Angelegenheit der nächtlichen Wissenschaft, dann zerfällt die Hierarchie, die metaphysische Architektur der Not wie die Bauwerke einer alten Kultur zerfallen. Der Unschuldsmiene sind alle Unglücke gleich gültig.

Die brave new world, in der sie, leider, geschehen – die Unschuldsmiene erfindet ihr noch den Namen, nennt sie Umwelt. Wir Unschuldigen wollen uns in ihr, als Einzelne, wie als Gattung, als das intakte, unverletzliche Zentrum imaginieren. Ptolemäus redivivus. Umweltschutz erscheint der Unschuldsmiene machbar, Weltschutz unnötig.

UND WAS HEUTE SONST NOCH GESCHAH oder, barbarischer, WAS HEUTE NOCH WICHTIG WAR SAGT IHNEN JETZT ... folgen die Nachrichten IM ÜBERBLICK. Die mediale Unschuldsmiene gibt vor, daß an diesem Tag nichts, was im modernen Schild des Perseus, der Kamera, nicht gespiegelt wurde, existiert hat oder wichtig war. Mindestens legt sie nahe, von dem nicht Gespiegelten als dem Belanglosen, dem zu Vernachlässigenden, dem Erinnerungsunwerten abzusehen. Damit entfallen auch sämtliche in diesen unterdrückten Dingen wirkenden schuldhaften Ursächlichkeiten und Zusammenhänge. Die Unschuldsmiene wird dem wehrlosen Betrachter aufgenötigt, sie wird ihm in der Suggestion des Überblicks übergestülpt wie Entführer dem Entführten eine Kapuze überstülpen, er vermag nicht mehr auszumachen, wohin die Reise geht. Einher geht dieser Übergriff mit der treuherzigen Behauptung, die von ihm verursachte »entlastende« Blindheit sei der Mehrheit seiner Opfer willkommen. Und für die Richtigkeit dieser Behauptung lassen sich Zeugen finden. Die diktatorische öffentliche Unschuldsmiene führt nämlich, wird sie nur genügend skrupellos und unbeirrt angewandt, bei ihren Opfern wider besseres Wissen zu sozialer Resignation und politischer Verrohung.

Am Ende des Tages hat die eine, die zum Leiden verdammte Hemisphäre wiederum in die moderne Arcimboldi-Physiognomie der anderen Hemisphäre geblickt: Bildschirme die Augen, die Brauen Mittelstreckenraketen, die Stirn eine Projektionsfläche ausgefüllt mit gewalttätigen Bildern, die Haare genmanipulierte Getreidebüschel in denen ultraresistente Schädlinge hausen, erschlossene Gewerbeparks die Wangen, die Nase ein Bohrturm, die Zähne Patronengürtel, das Kinn ein Bankschalter, die Ohren Parabolantennen oder Bombenkrater, der Hals ein Atompilz, die Schultern Müllhalden. Der knallige Medienzirkus auf »Event«-Jagd überzieht diese Schreckensvisage mit einer Unschuldsmiene aus gefärbter Plastikmasse wie einst der aztekische Priester das Gottesbild mit der Gesichtshaut eines geopferten Feindes. Allerdings lugt nimmermehr ein Gott durch die opake, freiheitlich-demokratisch stinkende Schönheit.

Keine Unschuldsmiene ohne Schuld.

Das heißt, wir wissen was wir tun. Wir wußten es immer. Irgend etwas legte uns nahe oder zwang uns, in uns dieses Wissen zu marginalisieren. Als zögen wir, gegenüber dem grellen Licht der nimmermüden Aufklärung, den Schatten der Informationsgesellschaft vor, jenen wohltuenden Bezirk, in den die Informationen nicht gelangen, oder nur in einer Weise, die ihnen die verstörende Wirkung nimmt oder den nur begrenzte oder nur bestimmte, weniger verstörende Informationen erreichen, Informationen, deren sorgfältig gewahrte Zusammenhanglosigkeit und absolut austauschbare Bedeutung uns, dem Sender sei Dank, davor behütet, das Ganze sehen zu müssen.

Die mächtigen medialen Unschuldsmienenhersteller wollen uns ohnehin glauben machen, wir täten gut daran. Es gäbe kein Ganzes, das zu erfassen sei, lassen sie uns wissen, nur verschiedene Sichtweisen auf Teile, die keinesfalls zusammen passen würden. Die Hintermänner dieser These tätigen derweil in der unübersichtlichen Welt globale Geschäfte.

Was aber bedeuten Freiheit, Demokratie und all die geisterhaften »Werte«, wenn sie nur für den Teil der Welt gelten sollen, der sich den Geschäftemachern als Operationsfeld anbietet? Es bedeutet, daß diese schönen Werte die Werte der Geschäftemacher geworden sind und bleiben sollen, folglich Werte, die sie selbst augenblicklich niederwalzen lassen, sofern sie ihren Zweck nicht erfüllen, der darin besteht, den Geschäften den Weg zu bahnen. Wir werden ihnen diese Werte nicht unbeschädigt aus den Händen reißen können.

»Globalisieren« heißt nichts anderes, als die Weltkarte erneut zu verkleinern, sie auf jene Provinzen des Kapitalismus zu beschränken, in denen die gesellschaftlichen »Gesetze« gelten oder gelten sollen, welche die Geschäftemacher benötigen. Alles andere sinkt in Vergessenheit. Ganze Völker, ganze Kontinente – ausgelöscht. Die Väter der Menschenrechtserklärung verloren ja auch kein Wort über den Holocaust an den Ureinwohnern.

Es gibt auch mentale Elendsviertel. Sie finden sich, verkehrte Welt, auf den Breiten- und Längengraden, auf denen, geografisch gesehen, die Villenviertel liegen. Aus diesen Vierteln bricht, mit der Unschuldsmiene behelmt, der neue Kreuzritter mit seiner Wertearmierung über den erschrockenen Rest der Welt herein.

Ein US-Panzer fährt langsam in das Rund des spärlich belebten Paradies-Platzes im eroberten Bagdad ein. In dem Panzer hocken Soldaten, die sich in der Heimat keine Zahnarztbehandlung leisten könnten, wären sie nicht in the army now. Weder für ihre soziale noch für ihre ökonomische Sicherung ist gesorgt. Gewerkschaftlichen Schutz gibt es für sie nicht. Es kann ihnen passieren, daß sie, im »zivilen« Leben, obwohl sie in zwei oder drei Jobs siebzig Stunden und mehr in der Woche arbeiten, ihre Miete nicht bezahlen können. Die Reichen des reichsten Landes der Erde senden eine Armee der sozial Schwachen, der Armen aus. Deren unwirksame Bürgerrechte werden, sofern sie überhaupt vorhanden waren, während sie diese Rechte kriegerisch zu exportieren meinen, fortwährend eingeschränkt.

Für die Traumata, die ihnen dieser Feldzug eingepflanzt haben wird, interessiert sich »in der Heimat« so wie so niemand. Wehe, wenn ihnen die gesellschaftlich geforderte Unschuldsmiene nicht ein zweites Mal glückt – es könnte ihnen ergehen, wie es zahllosen ihrer Kameraden nach der Heimkehr aus voraufgegangenen Kriegen erging. Sie wurden, bedrückt von Schuld und Einsicht, wie sie waren, krank von den eigenen Kampfmitteln, geächtet.

Mehr als dreitausend Menschen jeden Alters und jeden Geschlechts starben, als eine Gruppe junger Männer, die überwiegend aus Saudi-Arabien stammte, sich der Zwangsidee des Angriffs auf das World Trade Center opferte. Nahezu zehntausend junge amerikanische Männer und Frauen starben nach dem ersten Ölkrieg an den Krebsschäden, welche die urangehärtete Munition verursacht, mit der ihre militärische Führung, zu der der gegenwärtig amtierende Außenminister zählte, sie ohne jede Warnung ausrüstete und ausrüstet – und jedem in den strahlenden Kriegstrümmern spielenden irakischen Kind, jedem Menschen in dem von solchen Trümmern übersäten Land noch heute verursacht und noch lange verursachen wird, da diese Strahlung, es ist kein Geheimnis, vier Milliarden Jahre lang anhält. So erging es den Soldaten, die die ersten Atomversuche im Bikini-Atoll »auswerten« durften, so geschah es denen, die die Entlaubungschemikalie »Agent Orange« in Viet Nam zum Einsatz brachten. Die Funktionsweise der politisch-militärischen Unschuldsmiene verdeutlicht sich in der erfolgreichen Stereotypie, mit der vom Massenvernichtungswahnsinn und den Massenvernichtungsmitteln der Anderen die Rede geht. Hiroshima und Nagasaki – vergessen. Man hofft auf unsere Überforderung. Im Ergebnis zweifeln tatsächlich wir an unserem Verstand. Das heißt, wir hören auf, ihn in Anspruch zu nehmen. Es scheint dies das gewünschte Ergebnis zu sein. BE THE FIRST TO KNOW – be the last to understand.

Das gepanzerte Fahrzeug, in dem die Betrogenen der nächsten Generation hocken, ihre elektronisch verfeinerte Ausrüstung, ihre sprengstarke, leider eben auch sie selbst verheerende Munition, die Geschütze, Bomber, Flugzeugträger, das ganze ungeheuerliche Waffenarsenal des neuen Kreuzritters verschlingt inzwischen 51 Prozent des gigantischen heimischen Staatshaushalts. Die Soldaten zahlen ihre Depravierung, ihre Instrumentalisierung selbst.

An der Sozialhilfe wird, wo sie überhaupt existiert, gekürzt und gekürzt. Millionen von Kindern leben im »Kernland« westlicher Wertvorstellungen in Armut und leiden an Unterernährung. Der wohlhabenden, weitgehend steuerbefreiten Minderheit, die in der Heimat über die politische Macht verfügt DIE GESETZE MACHT WER DIE SCHECKS AUSSTELLT genügt das nicht. Zu ihrer weiteren Bereicherung sind noch höhere Militärausgaben erforderlich – Bereicherung nicht nur im Sinne der unmittelbaren Rüstungsgewinne, sondern auch im Sinne der dauerhaften strategischen Inbesitznahme der endlichen Energiereserven der Welt.

Wir haben es also bei dem scheinbar doch dokumentarischen Videobild des Panzerfahrzeugs in Bagdad mit einem trügerischen Doppelbild zu tun, das je nachdem, in welchem Winkel es gehalten wird, zwei höchst verschiedene, ja unvereinbare Aspekte bietet: Den der heroischen Freiheitskämpfer, der glorreichen Fackelträger des AMERICAN WAY OF LIFE, der selbstsicheren Retter des Weltfriedens – oder den der dumm gemachten und mißbrauchten Angehörigen einer hoffnungslos deklassierten Unterschicht, die unfreiwillig die schmutzigen Geschäfte einer widerrechtlich an die Macht geratenen Clique enthemmter, größenwahnsinniger, machtbesessener Plutokraten und Oligarchen besorgen.

Dieser Sachverhalt, den das als Vexierbild sich erweisende Videobild enthüllt, ist nicht unbedingt neu. Neu ist, daß auch die total vernetzte »Informationsgesellschaft« trotz Millionen von Bildschirmen und Mobiltelefonen dieses Sachverhalts nicht einmal in ihrem Bewußtsein von sich selbst Herrin werden kann – oder will oder soll oder darf. Hier werden tagtäglich die Hunde begraben, deren überwirkliches Heulen unseren Unschuldsmienenstars in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft noch zu stattlichen Gänsehäuten verhelfen wird. WENN SIE MIT MESSERN DURCH EURE SCHLAFZIMMER GEHEN WERDET IHR DIE WAHRHEIT WISSEN.

Die vorläufig erzeugte Unfähigkeit, ja der zunehmende Unwille, Strukturen zu erkennen, Informationen zu verknüpfen, Kausalitäten herzustellen, die von den offiziell erlogenen abweichen, die uns zugefügte Apathie, der Stumpfsinn, die Benommenheit, der Zynismus, mit dem wir das Geschehen verfolgen, unser Unglaube, unsere Blindheit gegenüber unserer Nutznießerschaft an der Lüge, die noch unsere wohlmeinendsten Proteste kennzeichnet – schließlich hat unser Frieden dem »Rest« der Welt allemal den Krieg erklärt –, viele dieser mannigfaltigen Erscheinungsformen unserer Verwahrlosung verdanken wir vor allem jener kapitalistisch »gestylten« Unschuldsmiene, mit der allerorten die mentalen Massenvernichtungswaffen entwickelt und hergestellt und mit Hilfe unzähliger Mikrophone und Kameras, Bildwerfer, Bildschirme, Druckmaschinen, Werbeblocks, Dateien, Speichermedien und Programme unbarmherzig verbreitet und gnadenlos angewandt werden.

Die derart großgezogene Sozialagonie ist die säkulare Nachfahrin der versteinernden Seinsfurcht, die vom Haupt der Gorgo Medusa ausging. Jene Furcht reichte aus, Städte zu gründen. Unsere Agonie zersetzt unsere zivilen Prozesse. Unser gesamtes kulturelles Leben ist, seit es die Unschuldsmiene annahm, zur Lüge geworden.

Nicht, daß wir Getäuschte wären. Nicht die Täuschung ist die tiefste Ursache jenes Banns, den die Unschuldsmiene auf uns wirft. Es gehört ja gerade zu ihrem Wesen, daß sie uns nicht oder nur vorübergehend zu täuschen vermag. Nein, wir sind Enttäuschte. Verglichen mit dem Organschaden unserer Ent-Täuschung nimmt sich jede noch so arglistige Täuschung wie ein Schnupfen aus.

Der Enttäuschte ist der von der Täuschung geheilte, aber darum noch nicht Gesundete. Er ist der Betrogene, der um den fortwährenden Betrug weiß und den Betrüger kennt. Er ist der Beraubte, dem bewußt ist, das ihm das Seine nicht zurück erstattet werden wird, weil die Räuber sich unbehelligt einen Lenz davon machen. Seine Enttäuschung ist die Ursache seiner Ent-Bürgerung, seiner gesellschaftlichen Verrohung. Das Entwendete ist just das, was ihn als homo politicus ausmachen würde: Seine Bereitschaft und seine Fähigkeit, Einfluß auf die sozialen und politischen Prozesse zu nehmen.

Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf beispielsweise ist eine selbstbezügliche Farce schwerreicher Leute, an der die Mehrheit der Amerikaner keinen Anteil nimmt. Darum auch lassen selbst nachgewiesene massive Wahlbetrügereien in dem vorgeblich demokratischsten Land der Erde die Bürger – bis auf wenige Intellektuelle – kalt. Niemand ist wirklich überrascht.

Es kann keinen Zweifel geben, daß es sich bei einem solchen Sachverhalt um ein schwerwiegendes Verwahrlosungsphänomen von großer Tragweite handelt. Die Unschuldsmiene aber will uns unbeirrt glauben machen, die – westlichen – Grundwerte, von denen sie immerfort in einer Art fundamentalistischen Deliriums faselt, stünden in Blüte wie nie. Wahre Freiheit sieht eben auch die Freiheit vor, nicht zur Wahl zu gehen, sich nicht um Politik zu kümmern, den Nächsten nicht zur Kenntnis zu nehmen usw.

Was geschieht? Unser Fassungsvermögen wird überdehnt, uns wird es schlecht, wir geben auf. Die Übeltäter haben ihr Ziel erreicht. Fortan wird ihr Gebrauch der Unschuldsmaske sorgloser sein. Hin und wieder werden sie sie »fallen lassen«. Und wir erblicken den altbekannten, den gierigen Rachen.

Hier liegt der eigentliche, der tiefere, der hauptsächliche Zweck der routinierten Verwendung jener gespenstischen Verlarvung, als die wir die Unschuldsmiene unserer Hemisphäre begreifen. Gewollt ist die Asozialität unserer zunehmenden Gleichgültigkeit, gewollt ist unsere zynische Belustigung, die verhalten murrende politische Passivität, welche die Folge unserer Enttäuschung ist.

Wäre die verschlagene Unschuldsmiene, mit der der fatale Präsident den Einsatz von Streubomben mit seinem »göttlichen Auftrag« und der »Achse des Bösen« begründet, so tot ist Gott auch wieder nicht, zumindest nicht der Teufel – wäre sie nicht Heuchelei, was wäre sie dann? Sie wäre Verrücktheit. Der höchste Regierungsbeamte des wirtschaftlich und militärisch stärksten Lands der Erde wäre ein Wahnsinniger.

Ein mittelmäßiger Zögling seiner Klasse, ein Bankrotteur, ein Trinker, ein mörderischer Gouverneur, ein Wahlbetrüger – ja, aber ein Wahnsinniger?

Hier setzt die vertrackte Mechanik ein, die der Unschuldsmiene eigen ist. Der skeptische Betrachter vermeint die Heuchelei sogleich zu durchschauen: Es geht nicht um einen göttlichen Auftrag, es geht um Öl. Überwunden die beschämende Zumutung, die bigotten Phrasen für bare Münze nehmen zu müssen – was der Religion angetan wurde, wird kaum thematisiert. Andere finden sich, die dem zustimmen. Als wäre damit alles gesagt und das meiste getan, lehnt man sich protestierend zurück. Unmerklich, uns unbewußt nahm jenes Unheil seinen Lauf, auf das die Unschuldsmiene es zutiefst abgesehen hatte.

Ihre Absicht zielte auf unsere Resignation als Staatsbürger, auf den Verlust unseres Glaubens an eine aufrichtige Bestimmbarkeit von Worten, Begriffen, Inhalten und Taten im Politischen, Gesellschaftlichen, im Kulturellen und, mehr noch, auf den Verlust der Überzeugung, das von Menschen Gemachte sei auch von Menschen änderbar.

Unsere Politikverdrossenheit hat, so weit wir sehen, noch keinen Politiker ernsthaft verdrossen, im Gegenteil. Sie erleichtert ihm das business as usual.

Die beleidigende Phrasenhaftigkeit der Wahlplakate WIR IN DEUTSCHLAND, die wachsende »Amerikanisierung« der Wahlkämpfe will unsere geistige Lähmung bewirken, sie setzt sie nicht etwa bedauernd voraus.

Das beschämend Sinnleere der Slogans soll uns zur Verzweiflung bringen, es ist nicht einfach das ebenso peinliche wie unvermeidliche Resultat der angestrebten Massenwirksamkeit. Es zeigt uns, was uns zugedacht ist.

Wie anders als passiv wäre darauf zu reagieren, solange wir den blutigsten Bürgerkrieg scheuen?

Unsere Betäubung ähnelt der des Wachhunds, dem die Diebe, unschuldsmienenverkappt, die präparierte Wurst hinhielten. Wir ahnten instinktiv, was vor sich ging und waren doch zu lebenslustig, um ihnen nicht aus der Hand zu fressen. Nun liegen wir reglos da, während die Schatzkammern unserer materiellen und humanen Ressourcen geplündert werden. Wie im Traum hören wir Gelähmten die Geräusche, die den Einbruch begleiten, sehen mit verschwimmenden Blicken, wie die Beute weggeschafft wird. Wir nehmen mit geschwächtem Verwundern wahr, daß die Diebe gut gekleidet sind.

Oder sind wir gekauft? Genügt es, unsere Lebenslust immer rasanter in einen immer idiotischeren Warenhaus-Weltraum zu katapultieren, um uns stumm und lahm zu machen? Hat das bißchen Dingeglück uns tatsächlich schon zu jener Nachfolgespezies des homo sapiens mutieren lassen, die allein die Genesung dieser röchelnden Wirtschafts- und Sozialstrukturen garantieren soll – dem bewußtseinsmanipulierten Niedriglohnempfänger homo consumens? Scheinen doch die Menschenrechte bereits, wenn auch eingeschränkt, nurmehr für den zu gelten, der etwas kaufen kann. Ein Verbraucher zu sein, ein Käufer, ist ein Daseinsgrund, der vor den schlimmsten Drangsalierungen eine Zeit lang zu behüten vermag. Fällt er weg, weil der Käufer zum unnützen Fresser wurde, fällt auch dieser letzte Windschutz. Zu Millionen und aber Millionen werden überflüssige Menschen von den eiskalten Böen der Modernisierung in das soziale Aus geweht.

Der kapitalistischen Unschuldsmiene gilt das alles nichts. Unverdrossen jagt sie uns mit ihren Autoausstellungen, Elektronikmessen, Tourismusangeboten, Konjunkturdaten, Sportereignissen und kurstreibenden Massenentlassungen in den mentalen Kollaps. Klassenkampf – ein Begriff, ausgestorben wie der Pitecanthropus. Dabei war das Heer der Lohnsklaven auf drei Kontinenten noch nie so riesig wie heute. Seine profitträchtige Existenz ist es ja gerade, die die Wiedereinführung dieser Sklaverei in den »entwickelten« Ländern erleichtern soll.

UND NUN DIE LOTTOZAHLEN Vor dem pompösen Aufmarsch der Unschuldsmienenträger in ihren Maßanzügen, ihrem unaufhörlichen Beteuern, unsere Sache sei ihre Sache, dem »Druck der Straße« aber werde man sich selbstverständlich nicht beugen, vor der Anmutung der Krawattenköpfe, die trostlose Lebenswirklichkeit einer zunehmenden Anzahl von Menschen für weniger wichtig zu halten als den »Tag an der Börse«, vor den überhöhten Lebensmittelpreisen und Wohnungsmieten, den räuberischen und arroganten Geldhäusern, den wahnwitzigen Gehaltssteigerungen und Abfindungssummen in den Managementetagen bei gleichzeitigem Nullrundengeschrei in Bezug auf die Löhne, den als »Strukturanpassung« getarnten, gewinnbringenden Attacken auf die Arbeitsplätze, den als »Reformen« verkleideten Überfällen auf Renten, Arbeitslosengelder und Krankenversicherungen bei ständig erweiterten Vergünstigungen für die großen Profiteure und Steuerhinterzieher, vor dem infamen Vertrösten der mürrischen, arbeitslosen, hilflosen Menge mit absurden Ich-AG-Versprechungen, vor der kriminellen Energie, die in all dem Verdienen, Verschieben, Verschweigen, Verleugnen, Vertuschen und Verwursten am Werke ist, vor der boshaften und systematischen Zerlegung der Welt in eine ausgesuchte Abfolge von zusammenhanglosen Nachrichten, vor all dem Aufgedonnerten, Pornografischen, Idiotischen, Gewalttätigen der Fernsehkanäle, vor den Quizsendungen, Talkshows, geistigen soap operas, den ideologisch und sprachlich gleichgeschalteten Redaktionen der Zeitungen und Nachrichtensender, vor all dem unaufhörlichen Gequake und Geschnatter der unzähligen allesamt systemkonformen Moderatoren, Kommentatoren, Feuilletonisten, Quizmaster, Korrespondenten und Experten, die trockenen Fußes über der schmutzigen Flut aus steigendem Elend und sozialer Zerstörung zu stehen scheinen DER JOURNALIST ALS ÜBERMENSCH – vor all dem Unschuldsmienenirrsinn, der unser Alltag geworden ist, nicht die Segel des eigenen humanen Behauptungswillens zu streichen, scheint übermenschliche Kräfte zu erfordern. Die scheinheilige Parade, aufmarschierend unter der Flagge des »Tina-Prinzips« THERE IS NO ALTERNATIVE, brüllt uns, die wir betäubt daliegen, mitleidlos ins Ohr, so sei das Leben, wir hätten diese Kräfte gefälligst aufzubringen, bei dieser oder jener Strafe für den Fall, daß nicht ... »Wir haben diese Kräfte«, antwortet eine weltweit wachsende Zahl von Menschen, indem sie sich mühsam hochrappeln, »nur werden wir sie anders nutzen, als ihr euch das vorstellt.« Jäh verstummt das eben noch höhnische Gelächter. Der Ruf nach der Polizei wird laut.

Die zu »Einschnitten in das soziale Netz« gezückten langen Messer werden nämlich von eben den Fäusten gehalten, die um uns herum in aller Unschuld das Gitterwerk eines vom internationalen Terror in Auftrag gegebenen Repressionskäfigs errichten.

Worum ist es dem vermögenden Lausepack und seinen neoliberalen Helfershelfern ideologisch zu tun? Darum, in uns das Bild einer Welt zu erzeugen, in der es so und nicht anders zugeht, immer schon zuging, nie anders zugehen wird. Die schäbige Gaukelei des So-war-es-schon-immer ist der vornehmste Zweck des »Erneuerungs«-Bluffs, auf den die Unschuldsmiene setzt. Ist sie erst einmal durchgepaukt, dient sie zur Entwaffnung des Andersdenkenden, dem auf diese Weise die Erfahrung zuteil wird, daß er zwar anders denken kann, anders handeln hingegen nicht. Als Andershandelndem drohen ihm Prügel, Tränengas, Abtransport, geheime Einkerkerung, Folter und Tod – übrigens auch im demokratischsten, friedliebendsten, wohlhabendsten, menschengerechtesten Staatswesen, das von einem Lidschlag auf den nächsten, just dem einen Lidschlag, der zwischen Denken und Handeln lag, die Unschuldsmiene abzuwerfen und sich in eine repressive Apparatur zu verwandeln vermochte, deren Schergen keine Gnade kennen.

Eine solche Erfahrung ist verzweiflungsvoll und zerstörerisch. Kein Mensch will eine solche Erfahrung immer und immer wieder machen, geschweige denn eine immer neue, nächste Generation. Tritt Unterdrückung hinzu, Not, Armut und Zukunftslosigkeit, dann legt die endliche Verweigerung dieser Erfahrung den Grundstein für jenes politische Handeln, welches die unerbittliche Unschuldsmiene gerne als Terrorismus anprangert.

Der intime und legitime Feind unserer Unschuldsmiene ist aber der Selbstmordattentäter, der nur noch Schuldige kennt.

Der westliche Distanzwaffen-Hygieniker, dessen äußerst kostspielige »intelligente Bomben« – eine Wortschöpfung der Hölle – beim in der Presse euphemistisch »Waffengang« genannten Gemetzel aus der Luft Männer, Frauen und Kinder in unnötig armen Weltgegenden zerfetzen und verstümmeln, während er sein Leben schont, nennt den Selbstmordattentäter selbstverständlich feige. Die Unschuldsmiene behält sich, seien die Duellpartner auch noch so ungleich, die Wahl der Waffen vor.

Lassen wir, wenn wir die Schuldigen nicht länger sein wollen, diese Unschuldsmiene fahren, ihre undurchdringliche Durchschaubarkeit, welche die Anderen demütigen und entmutigen will, sie in Wahrheit und mit Recht aber mehr und mehr aufbringt, hören wir auf, uns selbst zu belügen und die Anderen zu bombardieren und beginnen wir, unsere offenbare, Jahrhunderte alte Schuld bei den durch uns Verdammten der Erde abzutragen – so wird sich die Kühnheit der nicht länger Bedrängten auf die solidarische Lösung ihrer Lebensprobleme richten, nicht gegen unsere bloße Existenz.

Man sage nicht, man wisse nicht, wie das geschehen könnte. Die »Informationsgesellschaft« lagert, wie gegen ihren Willen, an ihren Rändern, in ihren Nischen und Waldverstecken viele Hinweise auf Heilung ab, verschiedenste, gegensätzlichste, widersprüchlichste. Die Unschuldsmiene hofft, uns an unserer Bequemlichkeit zu halten: Wir werden nicht wissen wollen, glaubt sie, was sie uns nicht auftischt. Sie muß sich irren. Wir müssen ihr, jeder seine eigene Gorgone, in Worten und Taten die Zunge weit herausstrecken – wie Einstein auf jener berühmten Photographie. Tun wir es nicht, begräbt die alles verwüstende Heuchelei das mikroskopische, limitierte und bis dato solitäre Schöpfungsexperiment auf unserem Planeten vorzeitig mit der dreckigen Schaufel ihrer engherzigen Profitsucht.

2003