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Warum wir das
Theater brauchen (8)

Die »Gegenwart«
ist zur Herrschaft
gelangt

Frank-Patrick Steckel

Eine Gesellschaft, der immer aufs neue und immer vergeblicher dargelegt werden muß, warum sie Theater »brauche«, eine solche »Gesellschaft« braucht kein Theater mehr. Es erscheint ohnehin unanständig, Künstler zu nötigen, sie selber sollten außerhalb ihrer künstlerischen Arbeit begründen, warum und wieso sie ihre Kunst für »relevant« hielten – ein Verfahren, welches in unserem Falle unweigerlich auf die fragwürdige These hinausläuft, daß, wer nicht regelmäßig ein Theater besuche, kein Mensch im tieferen Sinne sei. Jedweder Versuch einer Apologie des Theaters gerät unter diesen Voraussetzungen in Gefahr, zum Gerede zu verkommen.

Eine Gesellschaft nämlich, die ihren Selbstverständigungsprozeß durch Geldbewegung und Warenzirkulation ersetzt hat, eine Gesellschaft, die mit Millionen von arbeitslosen Menschen sich abzufinden bereit ist, anstatt im selben Augenblick ihren offensichtlich fatal gewordenen Arbeitsbegriff in Frage zu stellen, eine Gesellschaft, die dergestalt von politischer Mißwirtschaft, mangelnder Anschaulichkeit, radikalem Utopieverlust – sofern Utopie aus der strikten Differenz zum jeweils Bestehenden sich definiert – und bestenfalls einer soliden Gleichgültigkeit gegenüber der doch nicht änderbaren Welt (dem doch nicht änderbaren Menschen) gekennzeichnet ist, eine solche Gesellschaft verdient es nicht, Gesellschaft genannt zu werden. Sie desavouiert das Gesellschaftliche schlechthin.

Ihr gegenüber erscheinen daher auch entschiedene Abgrenzungsversuche als ebenso unsinnig wie all die neueren mehr oder weniger halbherzigen Sympathiebekundungen. Sie stellt ein nachgerade Spenglersches Untergangsphänomen dar, das Freund und Feind mit sich in den Abgrund reißt. Und noch die selbstbewußtesten »Kritiker« dieser ungesellschaftlichen Unordnung sind jener Einsteinschen Fliege vergleichbar, die in einem rasch dahineilenden Eisenbahnzug gegen dessen Fahrtrichtung fliegt.

Wir müssen erkennen, daß der zivilisatorische und der kulturelle Prozeß in den westlichen Industriegesellschaften nicht nur nicht identisch sind, sondern, im Gegenteil, sich mit zunehmender Schroffheit, ja Feindseligkeit gegenüberstehen. Es geht schon lange nicht mehr darum, vermittels des Theaters innerhalb des Gegebenen eine Art Korrektiv zu bilden, an welchem das Gegebene seine Grenzen oder seine Bestimmung oder seine grundsätzlichen Aporien erfährt – solches mag der Fall gewesen sein, solange eine Gemeinschaft es für selbstverständlich und notwendig erachtete, ein Bild ihrer selbst zur Verfügung zu haben, einen Entwurf, wie illusionär und unhaltbar auch immer, in dem das Gegebene sich nicht nur spiegelte, sondern welcher das Gegebene übertraf, über es absichtsvoll hinausging und eben darum als wertvollster Besitz der Gemeinschaft galt. Und die stets schwierige Erschaffung wie Erhaltung dieses Entwurfs eine Sache war nicht nur der Dichter.

Diesen Zusammenhängen, deren wesentliches Merkmal Respekt vor dem Unbegreiflichen ist, verdankt das Theater seine Existenz, seinen Sinn, seine Berechtigung – Zusammenhänge, an denen gemessen schon Schillers Begriff vom Theater als »moralischer Anstalt« unübersehbar spießig wirkt. Sie sind nunmehr ganz dahin. Die »Gegenwart« ist zur Herrschaft gelangt (die Zahl der Lebenden größer als die der Toten) und erstickt, ideologisch technologisch, was von ihnen in den alten und neuen Texten und Bildern aufgehoben ist. Die Texte nämlich werden nicht dümmer, nur unlesbarer für uns, die wir ihnen gegenüber dümmer geworden sind und noch werden. Dem Theater aber sind damit seine kulturellen und spirituellen Lebensgrundlagen entzogen, und keine noch so beredte und engagierte Beschwörung seiner geistigen Aufgaben, sinnlichen Beschaffenheiten, transzendierenden Energien vermag dieses wachsende Defizit auszugleichen. Das ist die Krise. Sie ist endgültig.

Der Umgang mit den Staatlichen Schauspielbühnen Berlins, sowohl auf seiten der Künstler als auch von seiten der »politisch Verantwortlichen«, bewies dies schon sehr lange vor deren Schließung. Die Unverfrorenheit, mit der die dann ebenso folgerichtige wie zynische Besiegelung der Krise sich aber als notwendige Reform oder gar als Aufforderung zur »Kreativität« ausgibt, belegt nur, daß die geistige und kulturelle Krise eben äußerst umfassend ist und nicht nur (oder sogar recht spät) die Theater erfaßt hat. Es handelt sich um eine europäische Krise, und keine noch so tapfere moralische Aufrüstung der »Festung Europa« vermochte es, darüber hinwegzutäuschen oder ihr gar abzuhelfen.

Dabei spielt es gar keine Rolle, ob die Theater gut oder schlecht besucht sind – in der Tat haben die politischen Agenten der Krise, in grotesker Irreführung »Kulturpolitiker« genannt, sich von derlei Einwendungen auch nirgendwo ernsthaft beeindrucken lassen. Ob »die Leute kommen«, ob nicht – die zunehmende kulturelle Agonie erfährt ihre nicht unerhebliche tagtägliche Kräftigung unter anderem durch die Behauptung, es sei im einen wie im anderen Falle in Angelegenheiten der Kunst auch nur das Allergeringste bewiesen oder beweisbar. Diese Behauptung ist im Gegenteil selbst Ausdruck des Verfalls eines Kulturbegriffs, der in bezug auf die Kunst seit geraumer Zeit ein notgedrungen aristokratisches Moment enthielt, welches eben gerade als solches zu seiner Popularisierung reizte. Auf dem Weg »nach unten« aber verändert das Ding sein Wesen wie sein Gesicht, was »ankommt«, ist etwas sehr anderes, als dasjenige, was nun endlich, jahrhundertelang im Besitz und in Reichweite weniger, den Vielen habhaft gemacht werden sollte. Auch durch diesen Prozeß ist das Theater – oft ganz unfreiwillig – beschädigt worden. Das bürgerliche Trauerspiel bildet in ihm eine, allerdings unvermeidliche, Regressionsstufe. In Abwandlung eines Satzes von Spengler: »Durch das Geld vernichtet die Demokratie sich selbst, nachdem die Demokratie den Geist vernichtet hat.«

Immerhin besagte der Subventionsauftrag der Theater bis zu seinem gegenwärtigen Erlöschen, daß es im Kulturellen Dinge gibt, die den »Steuerungsmechanismen des Marktes« tunlichst entzogen werden müssen, sofern ihr Überleben auf dem Spiel steht. Auch diese Übereinkunft ist nun, wie zahllose andere, aufgehoben. Schon wünscht man manchmal, mit Sophokles zu sprechen, nicht geboren worden zu sein. Um noch einmal Spengler zu zitieren: »Die Zeit ist es, deren unerbittlicher Gang den flüchtigen Zufall Kultur auf diesem Planeten in den flüchtigen Zufall Mensch einbettet, eine Form, in welcher der Zufall Leben eine zeitlang dahinströmt, während in der Lichtwelt unserer Augen sich dahinter die strömenden Horizonte der Erdgeschichte und Sternengeschichte auftun.« Das ist die Perspektive, und sie ist theatralisch. Allein das Theater vermag heute, da und dort, die paradoxe Herausforderung noch zu empfinden, die ihr entspringt. Darin besteht seine Möglichkeit und sein Unglück.

Frankfurter Rundschau 26/28.03.1994