Pierre Bertaux:

Hölderlin in Afghanistan

 

 

Im Tübinger Turm am Neckar schrieb Friedrich Hölderlin folgende undatierbare Zeilen, die als »Bruchstücke einer späteren Fassung des Hyperion« bekannt sind.
      »Ich gestehe es, ich wäre ... oft gerner auf einsameren Gebirgen ... in den angenehmen Gegenden von Thebe, Macedonien und Attika ... Ich wäre sogar lieber mit meinem Leben in den stillen Orten im Innern der Inseln, oder in heiligen Klöstern ...«
      Wenn ich nach Athen komme, besuche ich jedesmal das Kloster von Kaysariane, wo Hölderlin gern gewohnt hätte, das letztemal mit einem deutschen Freund, Hartmut Geerken, der in Athen lebt. Er erzählte mir von einem Afghanen, einem Verehrer Hölderlins. Ich bat Hartmut Geerken, mir die Geschichte von Mahmoud Farani niederzuschreiben. Hier ist sie.

 
 
hartmut geerken

WEIL ER FEURIGEN GEIST VERHEISSET

ungeordnete erinnerungen an den afghanischen
hölderlinkenner mahmoud farani

 

 

1

mahmoud farani, dichter, journalist, literaturkritiker, nach der revolution in afghanistan im jahre 1978 präsident im kultur- und informationsministerium in kabul. über allem aber seine verbundenheit mit hölderlin, den er über die englische sprache kennengelernt hatte. er konnte nächtelang hölderlin auf englisch rezitieren, auswendig selbstverständlich, das klang manchmal wie omar khayyam (the diver omar plucked them from their bed, fitzgerald strung them on an english thread). vor allem liebte er die späten, die scardanelligedichte. wir verbrachten nächte zusammen in heiliger begeisterung, wir sprachen in kabul vom neckar, vom turm und von langen fußmärschen zwischen nürtingen, frankfurt und bordeaux. wir saßen nach landessitte auf dem boden, uns gegenüber.

2

mahmoud wurde in den usa ausgebildet. dort begegnete er dem schwaben, der ihn nicht mehr losließ. einmal auf einer breiten kabuler straße überholte mich mahmoud, inzwischen waren wir freunde, mit seinem auto, einem alten englischen rechtslenker, den er wahrscheinlich second hand in pakistan gekauft hatte. er fuhr auf der leeren straße links neben mir her, kurbelte sein fenster herunter und rief mir lachend »hölderlin« zu. da ich, schwabe, aus tübingen stamme, war ich für mahmoud manchmal so etwas wie ein mythos.

3

in den jahren 1978/79 gab es in kabul eine reihe von aufsehenerregenden kindesentführungen. von lösegeldern in millionenhöhe war die rede. wie ich viel später hörte, war mein freund mahmoud der kopf der entführerbande. er brauchte geld, um seine sozialpolitischen ziele verfolgen zu können (amerika hatte ihm wahrscheinlich sein feindbild vermittelt); es waren ideen, die er in die realität zu überführen versuchte, wobei er die trägheit der gegenwart unterschätzte. da er nur kinder sehr reicher familien entführte, bekam er das geforderte lösegeld. ich erinnere mich an drei erfolgreiche entführungen. die kinder waren außerhalb von kabul in einem einsamen haus in den bergen versteckt, sie wurden mit guten privatlehrern versorgt, damit sie in der schule nichts versäumten. das essen soll hervorragend gewesen sein. ich hörte, dass die kinder so froh gewesen seien, dass sie nicht mehr zu ihren familien zurückkehren wollten. nach oft monatelanger abwesenheit von der schule waren die kinder ihren mitschülern im stoff weit voraus. die kinder sollen ihre entführer als freunde betrachtet haben, wie man hörte.

4

als präsident im kultur- und informationsministerium, wo ich ihn mehrfach in seinem einfachen büro besuchte, hatte mahmoud farani offenbar die richtigen geleise, auf denen er fahren zu können glaubte. dazu war aber noch mehr geld notwendig. am 2. juli 1978 drang er (der präsident!) mit seiner bande in das haus eines reichen hindu in sherpur, einem kabuler stadtteil, ein. es war das haus unmittelbar neben dem goethe-institut, wo mich mahmoud mehrfach besuchte, wo er auch aus seinen werken gelesen und wo er über den armen holterling gesprochen hatte. alle, auch mahmoud, trugen selbstgeschneiderte offiziersuniformen der afghanischen armee und waren mit maschinenpistolen bewaffnet. in dieser zeit war in kabul sperrstunde von 23 uhr bis 5 uhr. die bande drang kurz vor 23 uhr mit einem lastwagen und mit waffengewalt in den garten des hauses ein. das tor zur straße wurde verschlossen, und man hatte zeit bis 5 uhr früh, in aller ruhe die wertvollen einrichtungsgegenstände, vor allem die teppiche, in den lkw zu laden. die hausbewohner wurden zuvor gefesselt und geknebelt. dass mahmoud in dieser nacht ein hindumädchen vergewaltigt habe, wie es hieß, glaube ich nie und nimmer. kaum vier wochen nach diesem raubzug wurde die bande verhaftet und das diebesgut sichergestellt. mahmoud landete im gefängnis von polletscharchie, dem sichersten und gefürchtetsten in afghanistan, 30 km vor kabul.

5

mahmoud farani gelang es auszubrechen. als einer der bekanntesten und kompromisslosesten dichter afghanistans war er auch den gefängniswärtern bekannt. vielleicht lag eine kleine illoyalität vor? einer der wärter erzählte meinem besten afghanischen freund, mahmoud habe seine gefängnishose immer ohne bundschnur in die wäscherei gegeben und habe immer eine hose mit schnur frischgewaschen zurück bekommen. wie er sich auch immer abgeseilt haben konnte, mahmoud farani, der hölderlinkenner und -verehrer, konnte aus dem sichersten afghanischen gefängnis entkommen. am tag nach seiner flucht saß dann aber seine ganze großfamilie im gefängnis: sippenhaft, auch großmütter und säuglinge. man sicherte ihnen die freiheit zu, sobald mahmoud farani freiwillig zurückkäme. mahmoud kam zurück, ich erinnere mich aber nicht mehr, nach wie vielen tagen, wochen, monaten.

6

kurz danach hörte ich, dass mahmoud standrechtlich im gefängnis erschossen worden sei. damit teilt er das schicksal fast aller afghanischen intellektuellen der ersten nachrevolutionären garnitur.

(mai 1982)

[Pierre Bertaux, Hölderlin-Variationen, Frankfurt am Main 1984, S 206–209]