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MacBeth
Kommentar 2009

Frank-Patrick Steckel

Wer das Stück als Drama des Ehrgeizes liest, liest es falsch. Wer es als das Drama der uns allen innewohnenden Grausamkeit und Gier liest, lehnt sich gleichsam im Sessel zurück: Er wurde nicht ihr Opfer – kein Wunder, daß sich die Lesart bei Philologen und Forschern größter Beliebtheit erfreut. Das vorgeblich »menschlich Destruktive«, an ihnen ist es vorbeigegangen, sie haben weder Schlachten geschlagen, noch heimlich gemordet, noch die Macht begehrt (wir wissen, daß sie es hin und wieder sehr wohl taten), der Titelheld leistet in ihren Augen stellvertretend den kinoüblichen Nachweis des »crime doesn’t pay«, den sie persönlich zu erbringen nicht mehr für nötig halten oder zu feige sind.

Daß die Gewalt des Lebenshungers, der Wunsch nach Grenzüberschreitung, die Sucht nach dem Unmöglichen, die Geringschätzung eines von der bloß überkommenen Herrschaft geformten und ihr dienlichen Menschenbilds, und die, wenn denn von Gier die Rede sein soll, unbezähmbare Neugier auf eine, wo nötig, grausame Polarexpedition in das, was wir leichthin Macht zu nennen gewohnt sind, gerade eine herausragende, furchtlose militärische Größe wie MacBeth anfallen können, ja, müssen, sofern er sich selbst und seine dem Establishment willkommene Todesverachtung kriegerisch ernst nimmt, wird von seinen Exegeten nicht zur Kenntnis genommen. Und schon gar nicht, wie skrupelhaft, reflektiert, wägend, verschwiegen er dabei vorgeht und gleichzeitig doch offenherzig uns, das Theaterpublikum, darüber informiert, wie diese Expedition ihn verändert.

Sie alle wollen das Nichts nicht wahrhaben, mit dem Shakespeare seinen Protagonisten schlußendlich, radikal wie in keinem anderen Königsdrama, konfrontiert. Sie halten diese Konfrontation für eine verzweifelte Laune, eine resignierende Gebärde des Scheiterns. Sie leugnen, daß hier etwas Tatsächliches, Unbestreitbares erkannt würde: Unsere Unwissenheit in Bezug auf den Sinn und den Grund unserer Existenz. Sie pferchen den modernen Daseinskonflikt ganzer Kontinente in die Psyche eines einzelnen unterhaltsamen Machtmenschen, unterhaltsam insofern, als sein Schiffbruch theatralisches Programm ist und der Abonnent beruhigt das Theater verlassen darf: Er hat gewisse Fragen nicht gestellt, folglich bleibt er von den desaströsen Antworten verschont WER VIEL FRAGT WIRD VIEL GEWAHR WAS ICH NICHT WEISS MACHT MICH NICHT HEISS. Die diesbezügliche Unruhe des Titelhelden teilen sie – in wollüstiger Weise – nicht, es genügt, sie im Theater immer einmal wieder zu besichtigen, um ihre die täglichen Besorgungen befördernde Besänftigung zu bewirken.

Es wird nicht gewagt, auszusprechen, was die Quintessenz der Erkenntnis des königlich vermessenen Königsmörders ausmacht: Daß auch und gerade der, der das Äußerste riskiert, einen Lebenssinn verfehlt und damit jede heimelige Vorspiegelung desselben um sich herum zerstört. Das zieht ihm den Haß der Rechtdenkenden zu, denen es schon immer unerträglich war, ihre Geschäftsgrundlage in Frage gestellt zu sehen.

Sie sind in der Mehrheit. Unsere westlichen Sozialitäten haben mit der Vermeidung der grundsätzlichen Fragestellungen zu leben gelernt – einzig die Kirchen führen, gewisse Restbestände metaphysischer Mängelphänomene nutzend, die trostlose Scharade phantasmagorischer Gewißheiten auf. … dem Schlimmen auf den Grund zu gehen schlimm ist jedoch weder die Sache der Kardinäle, noch der Bischöfe, noch der Politiker, noch der Philosophen, noch der Industrie- und Handelskammern. MacBeth aber blickt wie ein Gebannter auf dieses Rätsel. Erfährt denn zumindest der auf dem Gipfel der Macht Angekommene, was es mit ihm und den von ihm Beherrschten auf sich hat? Die Erfahrung lehrt das bitterste Gegenteil: Je höher, desto unwissender, Macht ist vorzüglich Angelegenheit der Pragmatiker, deren Heimsuchung durch die Schlüsselfragen der Gattung auf Null geschaltet worden ist, es gilt den Machterhalt, sonst nichts. Daher die tödliche Lähmung, die von ihnen ausgeht, daher die Feindseligkeit, die dem klugen Aufrührer mit dem Willen zur Macht aus ihren Kreisen entgegenschlägt: Er ist vor allem eine intellektuelle Bedrohung.

MacBeth ist verheiratet, kinderlos, und sieht, wie Stalin, Gespenster. Die Schicksalsschwestern zwar sieht auch Banquo, der einen Sohn hat, aber keine Frau, ihre Prophezeiung ist auch sein persönliches Verhängnis, aber er hat, sagen sie, in seinen Nachkommen, Zukunft. Diese Zukunft gleicht der Gegenwart wie die Gegenwart der Vergangenheit gleicht – sie schließt den Aufrührer und sein Intermezzo aus: Die Schlange ist geritzt doch nicht erlegt/Der Schnitt geht zu und sie ist was sie war. Heiner Müller spricht in MOMMSENS BLOCK von der Oktoberrevolution als Sommergewitter im Schatten der Weltbank – Leningrad ist wieder St. Petersburg, die Otto-Grothewohl-Straße in Berlin Mitte ist wieder die gefürchtete Wilhelmstraße, es gibt Menschen, die das für einen Fortschritt halten. Aus dem Blickwinkel des Königsmörders jedoch ergibt sich hier eine überwältigende Negativität: Die Verhältnisse sind nicht zu erschüttern: There Is No Alternative, das augenblicklich von Davos aus weltweit propagierte TINA-Prinzip. Die unvermeidliche Verzweiflung macht ihn anfällig für die trügerischen Weissagungen der Schicksalsschwestern, trügerisch insofern, als sie seinem Putsch Dauer zu versprechen scheinen. Das wäre hier zu lernen – noch kein Versuch, die Welt zu verändern, konnte bisher unbehelligt vonstatten gehen, ihm ein Ende zu bereiten, daran arbeitete, wer immer weltweit am Status Quo Geld verdiente und immer erfolgreich: Der Einspruch wurde noch stets genötigt, seine eigene Deformation zum Programm zu erklären. Manches wissen wir inzwischen besser – wer WIR SIND DAS VOLK ruft, findet sich dementsprechend traktiert. Noch keine europäische Linke hat bisher die Kraft gefunden, den Verbraucher in das politische Subjekt zurückzuverwandeln, als das die sogenannten demokratischen Verfassungen ihn ausgeben. Und was die Gespenster angeht: Wer sie nicht sieht, sieht fern, ohne zu ahnen, daß er Gespenster sieht. Die bei den Exegeten mit Vorliebe berüchtigte Lady MacBeth ist eine nach aktuellem Verständnis vernünftige Frau, die sich von der Machterlangung nicht zu Unrecht Genüsse verspricht – wer sie als das böse Weib schlechthin verstanden wissen will, betrachte die wiedergewählte Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.

Das Mörderische an MacBeth hält sich, anders als seine zumeist spießig wirkenden Begutachter wähnen, in Grenzen: Er tötet nicht mehr Menschen als andere Machthaber, macht sich jedoch weit mehr Gedanken dazu als alle uns im Drama begegnenden Usurpatoren (Camus’ Caligula, als dessen Geistesbruder er gelten darf, einmal ausgenommen) – was den großartig düsteren Emile Cioran dazu bewog, ihn einen »Stoiker des Verbrechens« zu nennen, einen »Mark Aurel mit einem Dolch«. Er führt sich den Katheter der Macht ein wie der spätere Nobelpreisträger Dr. Forßmann weiland den Herzkatheter, schreibt in Dutzenden von Versen gleichsam das Protokoll eines Selbstversuchs. Um ihn die Welt scheint beschwören zu wollen (und eine Schrift des Elisabeth I. auf dem englischen Thron nachfolgenden Schotten James I. belegt dies), es drehe die Sonne sich auch nach Kopernikus/Kepler um die Erde, der König sei, er mag so schwach sein und untüchtig wie der greise, vergnügungssüchtige Duncan, der gottgesandte Herrscher, folglich ist seine Tötung kein Aufbruch, sondern ein Sakrileg – wir wissen, daß auch rund zweihundert Jahre später das Thema immer noch und ganz besonders umstritten war. Die MacBeth Tragödie wirft den Schatten eines im Vordringen begriffenen Epochenumbruchs – wenn der jungfräuliche Prinz Malcolm, mit englischer Hilfe, den Thron erklimmt, sind die Risse an dessen Fundament unübersehbar: Es ist die Zeit der Könige nicht mehr (Hölderlin, Der Tod des Empedokles, 1. Fassung). Man kann, also muß man den König töten – möge Gott sich neue, weniger anfechtbare Gesandte suchen.

Welche Staatsform legt das Stück uns aber nahe? Zunächst empfiehlt es das Be-Denken der Macht und ihrer Ausübung angesichts der Ungewißheit unserer Grundexistenz. Die uns diesbezüglich bekannten Formen repräsentieren noch keineswegs das der Gattung Mögliche. Die vordergründig erfolgreiche Treibjagd auf den Usurpator fällt, was die Jäger angeht, unbefriedigend aus: Radikal konservative, englische Galionsfiguren wie der berühmte Alte Siward, Hindenburg vergleichbar, sind ihre imperialistischen Strategen. Auf sie stützt sich, was Schottland befreien will. Nicht der Tod des jugendlichen Sohnes vermag sie aus ihrer erhabenen Langemarck-Starre zu reißen – hier steht eine Struktur vor uns, die an das Schwert glaubt, der neuzeitliche »Bürger in Uniform« bildet ihr womöglich ontologisch auf ewig unzulängliches sozialdemokratisches Surrogat. (Daß Shakespeares Figuren zumeist bewaffnet sind, wird gern übersehen – andererseits sah man schon einen MacBeth, der eine Maschinenpistole trug statt eines Schwerts: Der umstandslose Übergang zur Distanzwaffe übersieht, daß Shakespeares Bewaffnete Nahkämpfer sind, schon ein Bogenschütze ist ihnen verdächtig.)

Unter den MacBeth entgegengestellten Figuren ist es einzig der friedfertige MacDuff, dem der offenkundige Sinnmangel gewisse Fesseln anzulegen scheint: Ich kann nicht haun nach armen Hintersassen/Deren Faust die Pike hält für Geld – hier meldet sich eine Stimme, die nicht dem allgemeinen Politchor der Rache zugehört, und ihr Träger ist es folgerichtig, der den vereinsamten Lebenshungrigen vom Thron wirft. Es käme darauf an, zu begreifen, daß hier unsere Chancen liegen.

Die MacBeth Tragödie, Deutsch von Frank-Patrick Steckel, am Theater Bremen