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Über die
Notwendigkeit
des Bruchs

Karl-Heinz Dellwo
über die sozialen
Verhältnisse
um uns herum
und die Zerstörung
des Kapitalismus
als Bedingung
für jeden Ausweg aus
den katastrophalen
Verhältnissen in
dieser Welt.
Ein Aufschlag.

Karl-Heinz Dellwo

Karl-Heinz Dellwo, Jg. 1952, war als Mitglied der Rote Armee Fraktion (RAF) an der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm im April 1975 beteiligt. Zwei Jahre später wird er dafür zu zweimal lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Seit seiner Haftentlassung im Frühjahr 1995 arbeitet Dellwo als Autor und Dokumentarfilmer. Er ist Gründer und Geschäftsführer des Hamburger Laika-Verlags und editiert ebendort die Bibliothek des Widerstands.

Verlässt man ein Museum oder einen anderen öffentlichen Ort nach einer Ausstellung oder ein Theater nach einer Aufführung oder etwa den Trauersaal nach dem Gedenken an den verstorbenen Menschen – in der Regel findet man ein aufgeschlagenes Buch mit unbeschriebenen Blättern und der unausgesprochenen Aufforderung, zum Anlass der Präsentation, der Feier oder des Gedenkens etwas zu hinterlassen. Mir scheint, das einzig wichtige, was wir heute dort, im öffentlichen, aber auch im privaten Raum, hinterlassen dürfen, ist: »Abschaffung des Privatbesitzes an den Produktionsmitteln!«, »Kommunismus!«, »Revolution oder Barbarei«, »Zerstört das vernichtende System um uns herum!«. Im beschleunigten Lauf des verselbstständigten globalen Kapitalismus finden wir uns als Beherrschte wieder ohne Verfügung über unser Leben, getrieben von immer größeren Anstrengungen, um nicht in Armut zu fallen oder den jeweiligen sozialen Status wenigstens nur zu halten. Die Welt, in der wir leben, ist krank. Wenn es möglich ist, dass 62 Menschen auf der Erde so reich sind wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit,1 dann stellt sich nicht mehr die Frage ob, sondern nur noch in welchem Maße wir sozial zerstört sind. Wenn in den USA ein Milliardär wie Donald Trump als neuer faschistischer Führer auftreten kann mit Millionen von Anhängern und der Chance, Präsident der USA zu werden, also auch mit der Chance, über eine der größten Gewaltmaschinerien der Welt zu verfügen, dann wissen wir, dass Hitler und der Nazifaschismus nicht der letzte fundamentale Einbruch der Barbarei in die Menschheitsgeschichte gewesen sein werden, und wir wissen vor allem, dass die herrschenden Eliten zur Gewalt greifen werden, wenn ihre Privilegien in Gefahr sind. Wenn das Bewusstsein, mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu brechen, in denen das möglich ist, nicht Grundlage unseres Lebens ist, dann muss man konstatieren, dass alles Politische bei uns bereits korrumpiert oder gebrochen, wenn nicht gar verlogen ist. Welche gesellschaftlichen Tatsachen brauchen wir noch, um grundsätzlich zu werden? Wie viele Millionen Flüchtlinge, wie viel an Militarisierung der Weltpolitik, wie viel Steigerung an Armut bei den einen und Reichtum bei den anderen ist nötig, damit wir sagen: Es reicht! Ist die Frage nach der Notwendigkeit des grundsätzlichen Widerspruchs nicht Ausdruck jener subjektiven Verzerrung, die wir Entfremdung und Verdrängung nennen müssen? Was ist mit uns passiert und was passiert mit uns, wenn wir sitzen bleiben im Untergang oder, schlimmer noch, wenn die Diagnose von Milo Rau stimmt, dass die Unterdrücker und die Unterdrückten heute vereint sind in dem Streben nach dem luxuriösen Tod?2 Vor Jahrzehnten konnte ich es auswendig zitieren, heute muss ich zum präzisen Wortlaut nachschlagen: Franz Fanon 1961 zu den Intellektuellen, die die Verbrechen des Kolonialismus erkannten, aber unfähig waren zu handeln: »Wenn man ihnen sagt: ›Es gilt zu handeln‹, sehen sie schon Bomben auf ihren Kopf fallen, Panzer auf den Straßen heranrücken, das Maschinengewehr, die Polizei … und bleiben sitzen. Sie brechen erst auf als Verlierer.«3

Aber stimmt das heute noch so? Ist es die Angst vor den Bomben, vor den Panzern usw. die uns alle, nicht nur die Intellektuellen, in substantieller Regungslosigkeit verharren lässt in einer barbarisch gewordenen Welt? Ist dieses Bild nicht anachronistisch? Denn in ihm gab es noch eine bewusste Eigenständigkeit des Menschen, damit auch eine Eigenständigkeit menschlicher und zivilisatorischer Werte, also Widerstandsgrundlagen, die uns stark machten gegen eine falsche Welt, während in der heutigen Welt der Mensch im Alltag überwältigt, ökonomisch kolonisiert, der Verwertung angepasst und von sich selbst enteignet ist, vollgefüllt mit falschen Träumen und Versprechungen, die für ihn weder beständig sind noch je Wirklichkeit werden können. 1975, vor 40 Jahren, erkannte Pier Paolo Pasolini im modernisierten Kapitalismus eine Macht, die er für zerstörerischer hielt als die Macht des alten Faschismus: »Die zynische Macht der Ökonomie […] benötigt, für die Einrichtung und Aufrechterhaltung der ihr entsprechenden, hedonistischen Kultur, einen neuen Typ von Menschen, der frei ist von allen Beziehungen zur Vergangenheit. Sie fordert von den Menschen, dass sie in einem Zustand der Schwerelosigkeit leben, damit sie dem Konsum und der Befriedigung hedonistischer Bedürfnisse als dem einzigen noch möglichen existenziellen Akt nachkommen können. Natürlich wird der Mensch dadurch degradiert zu einer Art Automat, ein Prozess, der einhergeht mit einer vorgetäuschten Demystifizierung, mit der ständigen Verlautbarung von Demokratie und Toleranz, die in Wirklichkeit rein rhetorisch ist. […] Die neue Realität ist gezeichnet von einer todgeweihten  Lebendigkeit, die alle und alles durchdringt. Die Verbürgerlichung ist total und totalitär. Der latente Befehl zum Konsum wird oberflächlich korrigiert durch das Alibi einer zur Schau gestellten Demokratie; der Zwang zum degradierendsten und delirantesten in der Geschichte je dagewesenen Konformismus wird kompensiert über das Alibi einer emphatischen Aufforderung zur Toleranz. […] Das erste und unmittelbarste Prinzip dieser neuen Realität – also in Wirklichkeit eine neue Kultur der Produktion überflüssiger Güter – ist die Zerstörung; ihre wichtigste Forderung ist es, sämtliche moralischen Vorbedingungen aus dem Weg zu räumen, damit sie sich frei entfalten kann. […]  Vor diesem Hintergrund hat sich die ganze Wertehierarchie und damit auch der Sinn der Wörter wie umgedreht:  wer heute glaubt ungehorsam zu sein, gehorcht in Wirklichkeit der neuen Realität und ihrer Ideologie der Zerstörung; wer sich hingegen dieser Zerstörung verweigert, ist gegenüber dem Kapitalismus, der alle Werte zerstören will, ungehorsam. […] Die Zerstörung von heute ist totaler als die Zerstörung von 1945, heute befinden wir uns nicht mehr inmitten  zerstörter Häuser und Monumente, sondern inmitten zerstörter Werte, humanistischer und, wichtiger, menschlicher Werte.«4

Längst ist die Zerstörung sozialer Verhältnisse um uns herum normal geworden, schlimmer noch: Sie erscheint »natürlich«, und wer davon betroffen ist, den trifft schnell der Blick des »selber Schuld«. Das angepasste und integrierte Leben im System führt zur großen geistigen Verblödung, zum permanenten Selbstverkauf und zum stammelnden Lebensbedürfnis, das über die eigene Begriffslosigkeit nicht mehr hinaus kommt. Der soziale Sieg des kapitalistischen Systems zeigt sich auch darin, dass sich die Unterdrückten untereinander zum Feind machen. Das kennzeichnet sie: Sie kennen ihre wahren Feinde nicht. Diejenigen, die vom System profitieren, sie kennen ihre Feinde allerdings immer. Eingefangen in einem reaktionären Regelkreis aus realen Betrugserfahrungen an ihrem eigenen Leben und den aus eigener Begriffsunlust wie Begriffsunfähigkeit kommenden und medial propagierten Ressentiments üben sie täglich die Haltung des Unmenschen ein und sind es irgendwann auch nur noch. Es sind aber nicht nur in Deutschland die Anhänger von Pegida, in Österreich von der FPÖ oder in Frankreich vom Front National die Resultate der verdummenden Lebensrealität des zum ökonomischen Objekt degradierten Menschen. Auch der Rest der Gesellschaft ist in seiner Erkenntnisfähigkeit grundsätzlich nicht versierter, und auch dort, wo – allerdings erst nach Zehntausenden von ertrunkenen Flüchtlingen – die langanhaltende soziale Eingrenzung mit einer Welle von Hilfsbereitschaft durchbrochen wurde, bricht mangels grundsätzlicher Lösungen die Haltung wieder durch, die Verantwortung für die Not der Anderen erneut abzuwehren.

Der Sieg des Kapitalismus liegt darin, dass er die ökonomische Rationalität der Warenproduktion zum alles entscheidenden Kriterium der gesellschaftlichen Prozesse gemacht hat. Um diese Logik weltweit durchzusetzen, hat sich die Außenpolitik der alten Zentren des Kapitalismus nach der kurzen Phase der Entspannung nach dem Kalten Krieg und nach der temporären Defensive nach der Niederlage der USA in Vietnam erneut militarisiert und führt Krieg um Krieg auf immer höherem technologischen Niveau, um alle jene Behinderungen aus dem Weg zu räumen, die die Freiheit des Falschen und damit die Herrschaft der Ware einschränken. Während im alten Kolonialismus die Barbarei darin bestand, die Menschen und die Natur schrankenlos auszubeuten, zielt der neue Kolonialismus des Kapitalismus drauf ab, dass der Mensch innerlich selbst zum Idioten der Selbstverwertung wird und damit alle Widerstandsressourcen verliert. Ähnlich den politischen Formen des Systems sollen auch die Menschen ihre soziale Substanz verlieren. Die neoliberale Bundeskanzlerin Merkel vertritt das Konzept der »marktkonformen Demokratie«5 – nur selten haben politische Leitfiguren des Systems so unverblümt die Nebenrangigkeit von Demokratie konstatiert , offenkundig, weil sie die innere Anbindung an das, was man reale Demokratie nennen könnte, längst verloren haben – und bleibt bei der Wahrheit ihrer Absicht, die Verwertung des Menschen als »naturgegeben« zu verankern. Schon 50 Jahre zuvor, politisch noch im Bann der Vorzüge des Führersystems und der Volksgemeinschaft im Nationalsozialismus für die herrschenden Eliten, propagierte Ludwig Erhard, zuerst Wirtschaftsplaner für die Nazis, dann Wirtschaftsminister in der Nachkriegs-BRD, schließlich als Bundeskanzler das Konzept der »formierten Gesellschaft«, noch heute hochgehalten von rechtsradikalen Ordoliberalen, die dem Einzelnen aus der »schicksalhaften Verbundenheit« mit dem Kapitalismus die Selbstaufgabe abfordern6. Die Taliban des Kapitalismus. Keine Diskussion über soziale Fragen in der politischen Debatte der Systemvertreter entbehrt der Beschwörung, dass man gegen die Gesetze der Ökonomie – gemeint ist unausgesprochen die kapitalistische, ausgedrückt werden soll aber, dass es keine andere gibt – keine Politik machen kann. Der gnadenlose Konkurrenzkampf dieser Ökonomie gebiert aber von Tag zu Tag nur neue ökonomische Herabstufungen in allen sozialen Schichten in der Gesellschaft und in den Gesellschaften untereinander. So wie die »marktkonforme Demokratie« nur vom Betrug der Demokratie spricht, so spricht der Verweis auf die Gesetze der Ökonomie nur von dem Betrug aller Werte, da sie von jeder eigenständigen Substanz enteignet sind. Was der Kapitalismus betreibt, ist eine betrügerische Harmonisierung der Werte in ihrer Stellung als Gleichheit vor der Ware, somit als nachrangig. Alles außerhalb der Verwertung ist für Kapitalisten sekundär. Eine Vorstellung von anderer Gleichheit, von einem anderen Produktionssystem gibt es nicht mehr im öffentlichen Leben der Gesellschaft.

Das ist unser Verlust. Die Linke aus 1968 hatte eine Gegenkultur zum System, die ihr Kraftquelle zum Kampf gegen das ganze System wurde. Und sie hatte in den antikolonialen und antiimperialistischen Bewegungen in der Welt Verbündete, die ihre eigene Schwäche in den für die Revolution nicht reifen Gesellschaften in den Metropolen zu kompensieren schienen. Sie scheiterte, weil die Transformation von der Gegenkultur zum Gegensystem oder, anders gesagt, die vom subjektiven Willen zur objektiven historischen Kraft in den Metropolen nicht gelang. Das historische Gegensystem, die Sowjetrepublik aus der Revolution von 1917, blieb der einzig in Herrschaft gesetzte Gegensouverän zum Kapitalismus, der aber zuerst aus dem Kampf mit einer weltweiten Konterrevolution, dann aber eben auch aus den inneren Antinomien zwischen dem kollektiven Freiheitsversprechen des Sozialismus und den Zwängen einer nachholenden Ökonomisierung und der ihr anhängenden Staatlichkeit zuerst stagnierte und dann 1989 implodierte.

Zu Franz Fanon habe ich mir damals gesagt: Auf keinen Fall wird das für uns zutreffen. Wir werden handeln, wir werden kämpfen. »Wir«, das waren damals nicht nur die, die sich der RAF oder anderen bewaffneten Gruppen zugehörig fühlten. Es waren alle die, für die es physisch-psychisch unmöglich war, sich den herrschenden Verhältnissen unterzuordnen und in deren Subjektivität die Entwicklung des Sozialismus eine neue materielle menschliche Basis fand. Im bewaffneten Angriff auf die herrschenden Verhältnisse versicherte sich der Widerspruch zum kapitalistischen System darin, etwas Unumkehrbares in die Welt zu setzen. Historisch ist das der Versuch der Neuen Linken, eine vom Menschen ausgehende Gegensouveränität gegen ein kapitalistisches System zu setzen, das die Souveränität der Ware gegenüber dem Menschen etabliert hat und ihn darin zerstört. Der Versuch war nicht falsch, nur weil er gescheitert ist. Die Oktoberrevolution von 1917 entriss dem Kapitalismus einen Großteil der Welt – und verlor ihn Jahrzehnte später wieder. Aber es war möglich, und heute ist die Reife der Zeit für den Sozialismus eine ganz andere. In den systemoppositionellen Revolten der 70er-Jahre bekundete sich mit der Tat die Absicht, das System zu stürzen und eine neue Welt aufzubauen. »Die Wahrheit der Absicht«, sagt Hegel, »ist nur die Tat selbst.«7 Das gilt weiter. Darüber dürfen wir uns keine Illusionen machen.

Es hat nicht gereicht. Aus vielen Gründen nicht, aus objektiven, aber auch aufgrund vieler innerer Mängel. Wie nach jeder Niederlage stärkt sich die siegende Seite. Es ändert aber nichts: Wir müssen, wenn die Menschen nicht auf unabsehbare Zeit eine verlorene und zerstörte Generation von Menschen in Folge sein wollen, das ganze kapitalistische System zum Stillstand und zum Kollabieren bringen. Es wird auf jeden Fall zum Stillstand und zum Kollabieren kommen. Wenn es aber die Zerstörung aus seinem eigenen Selbstlauf ist, aus verrückter Beschleunigung und Überdehnung, dann werden wir Objekte sein, und die Verhältnisse der Konzentrationslager der Nazis werden die Welt auf lange Zeit kennzeichnen.

Wir müssen den Privatbesitz an den Produktionsmitteln abschaffen! Jeder Ausweg aus den katastrophalen Verhältnissen in dieser Welt setzt die Zerstörung des Kapitalismus als Bedingung.

Aus: Alle Verhältnisse umzuwerfen … – Gespräche & Interventionen zu Krise, globaler Bewegung und linker Geschichte, Wien 2016

1 Oxfam-Studie Januar 2016

2 Milo Rau: »Es gibt kein Anderes mehr, es gibt nur noch das multiplizierte Eigene, es gibt nur einen einzigen planetaren Innenraum, im Realen genauso wie im Imaginären. Dies ist die monotone Tragik des globalisierten Kapitalismus: dass die Sklaven sich nicht befreien, sondern mit den Herren zusammen über ihre Brüder herrschen wollen. Die Unterdrückten träumen den gleichen Traum wie die Unterdrücker, und es ist bedauerlicherweise der Traum vom luxuriösen Tod.«, in: Theater der Zeit Heft 10/2015: »Buchenwald, Bukavu, Bochum – Was ist globaler Realismus?«

3 Franz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Suhrkamp Verlag 1967, hier der Essay »Von der Gewalt«, Erstveröffentlichung im Deutschen im Kursbuch 2, August 1965.

4 Pier Paolo Pasolini, Pannella e il dissenso, in id. Lettere luterane (Saggi sulla politica e sulla società, hrsg. v. W. Siti und S. De Laude, mit einer Einleitung v. P. Bellocchio, 2012, S. 604-610), zitiert in der Übersetzung von Fabien Kunz-Vitali, hier aus: Saló oder die 40 Tage von Sodom, Szenische Reflexion im Schauspielhaus Hamburg am 26. Oktober 2015, von Gabriella Angheleddu, Karl-Heinz Dellwo und Fabien Kunz-Vitali.

5 Angela Merkel, Bundespressekonferenz, 1. September 2011, anlässlich des Besuches des Ministerpräsidenten der Republik Portugal, Pedro Passos Coelho.

6 Siehe Konrad-Adenauer-Stiftung, unter »Geschichte der CDU«, hier: »Formierte Gesellschaft«

7 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 73